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Aktualisiert am 14. August 2026

Ein damals verbreiteter Beitrag von RT Deutsch behauptete, in der russischen Stadt Woronesch seien Neugeborene von ihren an COVID-19 erkrankten Müttern getrennt worden. Der Clip ist heute für mich unverifizierbar; Krankenhaus, Zeitpunkt und medizinischer Kontext der gezeigten Szene sind ebenfalls ungeklärt. Für diesen Beitrag ist sie deshalb eine damalige Behauptung und der Ausgangspunkt für Reaktionen, die ich seinerzeit dokumentiert habe.

Die Frage dahinter könnt ihr unabhängig von diesem Video prüfen: Ein menschliches Baby wird von seiner Mutter getrennt, und viele Menschen reagieren unmittelbar mit Mitgefühl. In Betrieben, die Kühe für ihre Milch nutzen, gehört die Trennung von Kuh und Kalb nach der Geburt zur gängigen Praxis.[4] Was geschieht mit unserem Maßstab, sobald das Neugeborene ein Kalb ist?

Was mich an den damaligen Reaktionen interessiert

Die ursprünglichen Posts und Kommentare sind heute für mich unverifizierbar. In der damaligen Fassung dieses Beitrags hatte ich unter anderem diese Reaktionen festgehalten:

„Das ist einfach nur grausam.“

„Das bricht mir als Mutter das Herz! Babys ohne Nähe, ohne Liebe. Mütter ohne ihre Kinder.“

„Was für eine kranke Scheiße. Ich würde so ausrasten, das geht überhaupt nicht, einer Mutter das Neugeborene entziehen.“

Die Zitate dokumentieren allein die damaligen Reaktionen. Wenn ihr sie heute lest, seht ihr vor allem eines: Die Vorstellung einer Trennung von Mutter und Neugeborenem löste bei den Kommentierenden starke Empörung aus.

Was sich medizinisch einordnen lässt

Für eure Einordnung lässt sich die allgemeine COVID-Frage unabhängig von Woronesch prüfen. Die WHO empfahl bereits 2020, Mütter mit vermutetem oder bestätigtem COVID-19 beim Stillen zu unterstützen und Mutter und Baby möglichst gemeinsam unterzubringen, einschließlich Hautkontakt.[1] Eine italienische Multicenter-Kohorte untersuchte 62 Neugeborene von 61 SARS-CoV-2-positiven Müttern; bei einem Kind wurde im Verlauf eine Infektion festgestellt. Die Autor:innen bewerteten eine Übertragung unter den untersuchten Schutzbedingungen als selten.[2] Die CDC ordnet Muttermilch nach dem vorhandenen Evidenzstand außerhalb der belegten SARS-CoV-2-Übertragungswege ein und beschreibt Stillen mit Hygienemaßnahmen als möglichen Weg.[3]

Diese Quellen behandeln die allgemeine medizinische Frage. Die Szene aus Woronesch liegt außerhalb ihres Geltungsbereichs.

Wie weit reicht unser Mitgefühl?

Bei einem menschlichen Baby beziehen wir Nähe, Hautkontakt, Stillen und die Beziehung zur Mutter selbstverständlich in unsere moralische Bewertung ein. Bei einer Kuh und ihrem Kalb betrifft dieselbe Frage zwei empfindungsfähige Individuen, deren Beziehung Menschen durch die Trennung beenden.

Das Thünen-Institut bezeichnet die Trennung von Kuh und Kalb nach der Geburt als gängige Praxis und verwendet für Systeme mit längerem Kontakt den Fachbegriff „kuhgebundene Kälberaufzucht“.[4] Für die Kuh und ihr Kalb bedeutet die Trennung, dass ihr unmittelbarer Kontakt endet. Die EFSA behandelt diesen Vorgang ausdrücklich als mögliche Ursache von Trennungsstress und nennt unter anderem vermehrte Lautäußerungen und Unruhe als beobachtbare Anzeichen.[6]

Auch die Kuh selbst handelt in dieser Beziehung. Jensen und Kolleg:innen untersuchten 84 Holstein-Friesian-Kuh-Kalb-Paare. Kühe, deren täglicher Kontakt zum Kalb reduziert worden war, zeigten eine stärkere Motivation, wieder vollen Kontakt zu erhalten und ihr neun bis zehn Wochen altes Kalb zu säugen.[5]

Die EFSA empfiehlt, Kuh und Kalb mindestens einen Tag nach der Geburt zusammenzulassen und längere Kontaktzeiten schrittweise auszubauen.[6] Damit bekommt der Kontakt in der behördlichen Wohlergehensbewertung selbst Gewicht.

Je länger zusammen, desto schwerer die spätere Trennung?

Hier begegnet euch das stärkste Gegenargument gegen längeren Kuh-Kalb-Kontakt: Ein systematischer Review von Meagher und Kolleg:innen fand, dass längerer Kontakt die akute Stressreaktion bei der späteren Trennung verstärken kann.[7] Derselbe Review beschreibt für Kälber zugleich längerfristige Vorteile, darunter mehr arttypisches Sozialverhalten, weniger auffälliges Verhalten und teilweise geringere Reaktionen auf andere Stressoren.[7] Für viele Endpunkte lagen nur wenige geeignete Studien vor, und die Versuchsdesigns unterschieden sich deutlich.[7]

Menschen begründen eine frühe Trennung außerdem mit gesundheitlichen Erwägungen, etwa einer besser kontrollierbaren Kolostrumaufnahme und Gesundheitsüberwachung sowie einer geringer angenommenen Erregerübertragung. Beaver und Kolleg:innen bewerteten die Evidenz für gesundheitliche Vorteile früher Trennung in ihrem systematischen Review insgesamt als inkonsistent.[8]

Wenn ihr Kuh-Kalb-Kontakt beurteilt, gehören deshalb zwei Zeiträume zusammen: der Stress beim späteren Trennen und die Zeit des Kontakts davor. Beides gehört in dieselbe Rechnung.

Wessen Körper, wessen Milch?

Bis hierhin ging es um Kontakt, Trennung und Stress. Dahinter steckt für uns noch eine andere Frage: Wer darf eigentlich über den Körper einer Mutter und über ihre Beziehung zu ihrem Kind verfügen?

Das Kalb hat während des Kontakts die Möglichkeit zu Körperkontakt, sozialem Kontakt und Saugen. Die Kuh zeigt eine messbare Motivation, diesen Kontakt und das Säugen fortzusetzen.[5][6] Menschen bestimmen in der Haltung von Kühen zur Milchnutzung, wie lange Kuh und Kalb zusammen sein können und wann ihre Beziehung endet. Sie melken die Kuh und nutzen ihre Laktation für ihre eigenen Zwecke.

Für uns ist das Ausbeutung. Und ja, wir sehen darin auch eine feministische Frage. Wenn wir von Patriarchat sprechen, meinen wir hier eine Herrschaftslogik, in der andere über einen reproduktiven Körper verfügen und ihn danach bewerten, welchen Nutzen sie aus ihm ziehen können. Bei einer Kuh betrifft diese Verfügung ihren Körper, ihre Laktation und ihre Beziehung zu ihrem Kalb.

Die Erfahrungen menschlicher Frauen und Kühe sind nicht dieselben. Der gemeinsame Prüfstein liegt an einer anderen Stelle: Darf ein empfindungsfähiges Individuum zum Mittel für die Interessen anderer gemacht werden, weil sein Körper etwas hervorbringt, das diese haben wollen?

Unser Feminismus endet für uns deshalb auch nicht an der Speziesgrenze. Eine Kritik an patriarchaler Herrschaft wäre merkwürdig unvollständig, wenn ausgerechnet dort die Verfügung über einen weiblichen Körper selbstverständlich würde, wo dieser Körper einer anderen Spezies gehört.

Peter Singer formuliert den antispeziesistischen Maßstab als gleiche Berücksichtigung vergleichbarer Interessen: Vergleichbare Interessen verdienen unabhängig von der Artzugehörigkeit gleiches Gewicht.[9] Feministische und antispeziesistische Kritik treffen sich für uns damit in einer ziemlich einfachen Frage: Wer darf über wen verfügen?

Wenn ihr tiefer einsteigen möchtet, findet ihr dazu unseren Beitrag „Not Your Mom, Not Your Milk“.

Vergleichbare Interessen, derselbe Maßstab

Menschenbabys und Kälber leben in unterschiedlichen rechtlichen, sozialen und medizinischen Zusammenhängen. Der Vergleich in diesem Beitrag konzentriert sich auf einen engeren gemeinsamen Punkt: Ein junges Säugetier verliert den Kontakt zu seiner Mutter, obwohl dieser Kontakt für beide Seiten verhaltensbiologisch relevant ist.[5][6]

Damit könnt ihr einen einzelnen Maßstab prüfen: Welche Interessen erkennen wir an, und welche Rolle spielt die Spezies des betroffenen Babys für ihre moralische Bedeutung?

Wenn ihr euch dem Thema über Bilder nähern möchtet, findet ihr Earthlings in unserer Liste mit Filmen, die den eigenen Blick verändern können. Die Dokumentation Dominion zeigt ebenfalls verschiedene Formen der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere.

Für die Mütter. Und für die Babys. <3

FAQ zur Trennung von Kuh und Kalb

Ist das ursprüngliche Video aus Woronesch verlässlich?

Der gelöschte Clip ist heute für mich unverifizierbar. Deshalb behandle ich die behauptete Szene ausschließlich als historischen Ausgangspunkt. WHO, CDC und die italienische Kohortenstudie behandeln die allgemeine medizinische Frage; der Vorgang in Woronesch liegt außerhalb ihres Geltungsbereichs.[1][2][3]

Wird SARS-CoV-2 über Muttermilch übertragen?

Die CDC ordnet Muttermilch nach dem vorhandenen Evidenzstand außerhalb der belegten SARS-CoV-2-Übertragungswege ein. Bei COVID-19 beschreibt sie Stillen mit passenden Hygienemaßnahmen als möglichen Weg, sofern es der Gesundheitszustand zulässt.[3]

Wann werden Kälber von ihren Müttern getrennt?

Das hängt davon ab, wie Menschen die Haltung organisieren. Das Thünen-Institut bezeichnet die Trennung nach der Geburt bei der Nutzung von Kühen für Milch als gängige Praxis. Systeme mit längerem Kuh-Kalb-Kontakt ermöglichen beiden mehr gemeinsame Zeit.[4]

Trauern Kühe um ihre Kälber?

Die Forschung belegt enger umrissene Beobachtungen. Die EFSA dokumentiert Trennungsstress sowie Verhaltensanzeichen wie Lautäußerungen und Unruhe.[6] Jensen und Kolleg:innen zeigen eine Motivation der Kuh, Kontakt und Säugen fortzusetzen.[5] Der menschliche Begriff „Trauer“ reicht über diese Befunde hinaus.

Warum trennen Menschen Kuh und Kalb kurz nach der Geburt?

In der Fachliteratur werden unter anderem kontrollierte Kolostrumaufnahme und Gesundheitsüberwachung sowie eine geringer angenommene Erregerübertragung als Gründe diskutiert. Beaver und Kolleg:innen bewerteten die Evidenz für gesundheitliche Vorteile früher Trennung insgesamt als inkonsistent.[8]

Gibt es Betriebe, in denen Kuh und Kalb länger zusammenbleiben?

Ja. Das Thünen-Institut verwendet dafür unter anderem den Fachbegriff „kuhgebundene Kälberaufzucht“, und die EFSA bewertet verschiedene Formen des Kuh-Kalb-Kontakts. Wie lange Kuh und Kalb zusammen sind, ob das Kalb saugt und wann beide später getrennt werden, unterscheidet sich zwischen diesen Systemen.[4][6]

Was hat die Trennung von Kuh und Kalb mit Veganismus zu tun?

Für uns liegt die Verbindung in der Ausbeutung selbst: Menschen verfügen über den Körper und die Laktation der Kuh und bestimmen über ihre Beziehung zu ihrem Kalb, um die Milch für sich zu nutzen. Darin steckt für uns zugleich eine feministische Frage nach Macht über reproduktive Körper. Veganismus und Antispeziesismus ziehen daraus für unseren Alltag eine klare Konsequenz: Wir wählen pflanzliche Alternativen. Wenn ihr das in einem Gespräch knapp erklären möchtet, könnte ein Satz lauten: „Für uns gehört auch die Kuh zu den Individuen, über deren Körper und Mutter-Kind-Beziehung andere nicht einfach verfügen sollten.“

Welche pflanzlichen Alternativen zu Kuhmilch gibt es?

Eine Übersicht zu pflanzlichen Produkten und Bezugsquellen findet ihr in unserem Beitrag über vegane Online-Shops.

Quellen zur fachlichen Einordnung

  1. World Health Organization (WHO), 23. Juni 2020: Breastfeeding and COVID-19. Tragende Fundstelle: Abschnitt „WHO recommendations“ zu Stillen, Rooming-in und Hautkontakt bei vermutetem oder bestätigtem COVID-19.
  2. Ronchi A. et al. (2021): Evaluation of Rooming-in Practice for Neonates Born to Mothers With Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 Infection in Italy. JAMA Pediatrics 175(3), 260–266. Tragende Fundstellen: „Key Points“ und „Results“. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2020.5086.
  3. Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Stand 23. September 2025: COVID-19 and Breastfeeding. Tragende Fundstellen: „COVID-19 and breast milk“ und „Breastfeeding with COVID-19“.
  4. Thünen-Institut, 31. Mai 2022: Kuhgebundene Kälberaufzucht. Tragende Fundstelle: Einleitungsabschnitt zur Trennung nach der Geburt als gängiger Praxis und zur kuhgebundenen Aufzucht als Alternative.
  5. Jensen E. H. et al. (2024): Dairy cows’ motivation to nurse their calves. Scientific Reports 14, 13728. Tragende Fundstellen: Abstract sowie Ergebnisdarstellung zur Motivation nach Reduktion des Kuh-Kalb-Kontakts. DOI: 10.1038/s41598-024-64038-z.
  6. EFSA Panel on Animal Health and Welfare (2023): Welfare of calves. EFSA Journal 21(3):7896. Tragende Fundstellen: Abschnitt 3.8.2 „Welfare consequence ‘Separation stress’“, Tabelle 16 „ABMs of separation stress in cow–calf contact systems“ sowie Conclusions and Recommendations zum Kuh-Kalb-Kontakt auf S. 79–129. DOI: 10.2903/j.efsa.2023.7896.
  7. Meagher R. K. et al. (2019): Invited review: A systematic review of the effects of prolonged cow–calf contact on behavior, welfare, and productivity. Journal of Dairy Science 102(7), 5765–5783. Tragende Fundstellen: Abstract und Schlussfolgerungen. DOI: 10.3168/jds.2018-16021.
  8. Beaver A. et al. (2019): Invited review: A systematic review of the effects of early separation on dairy cow and calf health. Journal of Dairy Science 102(7), 5784–5810. Tragende Fundstellen: Abstract und Conclusions zur inkonsistenten Evidenzlage für gesundheitliche Vorteile früher Trennung. DOI: 10.3168/jds.2018-15603.
  9. Singer P. (2001): Animal Liberation. Ecco. Tragende Fundstelle: Kapitel 1, gedruckte S. 6, zur gleichen Berücksichtigung von Interessen und zum Speziesismus.

Herzliche Grüße
Patrick

CC BY-SA 4.0 Neugeborene von Müttern isoliert – ohne vorigen Blickkontakt von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.