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Das Wort „unerzogen“ klebt schnell an Kindern, die Erwachsenen den Gehorsam verweigern, und an Eltern, die auf Gehorsam verzichten. Für uns beschreibt Nichterziehung eine Haltung in der Beziehung zum Kind. Junge Menschen sind vollständige Menschen. Ihre Sicht zählt, und die größere Macht der Erwachsenen bringt größere Verantwortung mit sich.
Im Video veranschaulicht Evelin diese Haltung mit Theaterpuppen:
1975 veröffentlichte Ekkehard von Braunmühl Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung.1 Mit „Nichterziehung“ beschreiben wir hier unsere eigene Haltung im Familienalltag. Antipädagogik und Nichterziehung haben Berührungspunkte und brauchen jeweils eine eigene Definition.
Gleichwürdig leben, Verantwortung tragen
Für uns heißt Nichterziehung: Wir wollen mit unseren Kindern gleichwürdig leben. Ihre Gefühle, Bedürfnisse und Gründe sind ebenso wirklich und wichtig wie unsere. Gleichwürdigkeit und Verantwortung gehören für uns zusammen. Die Würde ist gleich. Aufgaben und Möglichkeiten unterscheiden sich.
Wir Erwachsenen haben meist mehr Macht, mehr Erfahrung und mehr Handlungsspielraum. Darum tragen wir mehr Verantwortung für Schutz, verständliche Informationen und Reparatur nach Konflikten.
Freiheit, Grenzen und Absprachen
Unsere Kinder haben einen eigenen Entscheidungsspielraum. Wir schaffen echte Wahlmöglichkeiten, geben ihnen Zeit und respektieren ein Nein, wo ein Nein praktisch möglich ist. Wenn eine erkennbare Gefahr oder eine tragende Pflicht unser Eingreifen verlangt, treffen wir Erwachsenen die Entscheidung. Wir erklären den Grund und beschränken unser Eingreifen auf das, was die Situation verlangt. Die Reaktion unseres Kindes begleiten wir.
Eine persönliche Grenze schützt Körper, Kraft, Eigentum oder Integrität eines Menschen. Eine gemeinsame Absprache bringt verschiedene Interessen zusammen. Eine Sicherheitsgrenze schützt, wenn Gefahr droht. Bei einer Regel oder Anordnung setzen Erwachsene eine Vorgabe. Halten wir sie für nötig, übernehmen wir sichtbar die Verantwortung dafür.
Auf Strafen und Sanktionen verzichten wir. Konflikte bearbeiten wir mit Erklärungen, Absprachen und, wo es nötig ist, klar verantworteten Entscheidungen.
Vertrauen, das nach dem Sinn fragt
Wir gehen zunächst davon aus, dass das Handeln unserer Kinder aus ihrer Sicht einen Sinn hat. Manchmal erkennen wir ihn sofort, manchmal erst später. Wir hören zu, fragen nach und bleiben bereit, unsere Deutung zu korrigieren. Auch Bedürfnisse, die uns Großen im ersten Moment sinnlos erscheinen, nehmen wir ernst. Wo unsere Kinder selbst entscheiden können, respektieren wir ihre Entscheidung – auch wenn wir uns etwas anderes gewünscht hätten.
Die Selbstbestimmungstheorie beschreibt Autonomie als das Erleben, aus eigenem Willen zu handeln.2 Autonomieunterstützung kann deshalb heißen: zuhören, Wahlmöglichkeiten anbieten, Gründe erklären und Gefühle anerkennen. Auch Sicherheit und verlässliche Begleitung gehören in diesem Verständnis dazu.
Eine Metaanalyse von Bradshaw et al. erfasste insgesamt 126.423 Teilnehmende.3 Elterliche Autonomieunterstützung hing im Mittel mit höherem Wohlbefinden zusammen. Psychologische Kontrolle hing mit höherem Unwohlsein zusammen. Die meisten eingeschlossenen Untersuchungen waren Querschnittsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge zu einem Zeitpunkt und lassen die zeitliche Reihenfolge sowie andere Erklärungen offen. Die Bewertung von Nichterziehung als Gesamtansatz lag außerhalb der Untersuchung.
Vorleben und selbst lernen
Wenn uns Freundlichkeit, Höflichkeit, Toleranz oder Hilfsbereitschaft wichtig sind, prüfen wir zuerst, wie wir diese Werte selbst leben. Wir erklären unsere Haltung und zeigen sie im Umgang miteinander. Der Alltag ist dabei unser wichtigstes Beispiel.
Ein Gedanke ist für uns besonders wichtig: Unsere Kinder sind auch unsere Lehrer:innen. Aus André Sterns Vortrag nahmen wir eine Frage mit: Was können wir von unseren Kindern lernen? Mehr dazu findet ihr in unserem Beitrag zur Ökologie der Kindheit.
Verantwortung gehört dazu
Nichterziehung heißt für uns nicht, dass Erwachsene sich heraushalten. Wir greifen ein, wenn Schutz, die Grenze eines anderen Menschen oder eine tragende Pflicht es verlangt. Wir begründen den Eingriff, halten ihn so klein wie möglich und übernehmen die Folgen unseres Handelns. Wenn wir uns irren oder Macht verletzend einsetzen, gehören Entschuldigung und Reparatur zur Beziehung.
Wenn ihr tiefer einsteigen möchtet, findet ihr weitere Gedanken in Begriffsverwirrung: Erziehung, Wieso wir jede Art von Erziehung ablehnen und unseren Gründen für Nichterziehung.
Eure Evelin
Quellen
- Braunmühl, E. von (1975). Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung. Beltz. Fundstelle: bibliografische Angaben und Titel.
- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01. Fundstelle: S. 231, Definition von Autonomie als willentliches Handeln.
- Bradshaw, E. L. et al. (2025). Disentangling Autonomy-Supportive and Psychologically Controlling Parenting: A Meta-Analysis of Self-Determination Theory’s Dual Process Model Across Cultures. American Psychologist, 80(6), 879–895. https://doi.org/10.1037/amp0001389. Fundstellen: Abstract für Stichprobe und Hauptergebnisse; akzeptiertes Manuskript, S. 25–26, für die Einordnung von Sicherheit und Grenzen sowie die methodischen Beschränkungen.
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Das was ihr da beschreibt ist in gewissem Maße Erziehung!
Hallo Ramona,
vielleicht kannst Du Deine Gedankengänge dazu näher beschreiben.
Wir wollen es nicht bei diesem einen Artikel bzw. Video belassen und gehen in einem der nächsten Beiträge noch genauer auf die „Erziehung“, ausgehend von der Definition, ein. 🙂
Liebe Grüße
Patrick
Ich stimme Ramona vollkommen zu: Viele der von euch dargestellten Ideen sind leider selbstwidersprüchlich. Schon der Titel widerspricht der Art des Videos: ihr erklärt dort ja eine private Theorie der Erziehung, auch wenn sie besagt, Erziehung sei nicht wichtig. Insofern ist das Video natürlich pädagogisch und nicht anti-pädagogisch, wenn man davon ausgeht, dass Pädagogik die Lehre der Erziehung ist. Viel wichtiger ist aber zum Beispiel der irrige Glaube, es wäre überhaupt möglich, nicht zu erziehen. Man sieht das besonders deutlich an der Stelle über die Vorbildfunktion der Eltern. Ein Vorbild zu liefern ist NICHTS ANDERS als erziehen durch Sozialisation. Ich würde insofern Abstand davon nehmen, so zu tun, als würde hier etwas völlig Neues präsentiert werden und wenn schon in die Theorien alternativer Erziehung aus den 1960er und 70er Jahren hineinschauen, da wird das alles ein wenig stabiler und fundierter dargelegt.
Lieber Martin,
vielen Dank für Deinen Kommentar.
Mir scheint, als wären Dir die Themen Antipädagogik und Kinderrechte noch nicht besonders vertraut. Das macht nichts. Es folgen noch einige Videos und Beiträge hierzu, wo wir u.a. genauer auf die Definition der „Erziehung“ eingehen werden, wie wir es bereits Ramona versprochen haben.
Wir arbeiten derzeit an mehreren „Baustellen“ gleichzeitig (im übertragenen Sinn), weshalb der nächste, bereits vorbereitete Beitrag zum Thema noch etwas in der Schublade verweilen muss.
Da nun gerade bei der „Definition der Erziehung“ Reibungspunkte entstehen, besteht offensichtlicher Bedarf an der Fortsetzung und damit auch der Klärung dieses Punktes. Das werden wir tun. Solltest Du sehr neugierig sein, schau doch mal bei http://kraetzae.de/erziehung/ vorbei.
Neu ist unser Ansatz des gleichberechtigten Umgangs mit unseren Kindern mitnichten. Zum Thema kannst Du Dich, wenn Du möchtest, u.a. mit Ekkehard von Braunmühl auseinandersetzen, der die Antipädagogik bereits in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts postulierte.
Wir erheben auf unserem Blog übrigens nicht den Anspruch, wissenschaftliche Abhandlungen und Theorien vollumfänglich darzustellen, sondern möchten unseren Lesern zeigen, wie wir unser Leben gestalten und warum wir es gerade auf diese oder jene Art tun.
Herzliche Grüße
Patrick
Hi,
Prinzipiell finde ich euren Ansatz ganz gut.
Ich würde mich aber mit ein paar Fallbeispielen leichter tun. Z.b. die Kinder werfen Essen auf den Boden; wie erklärt ihr den KIndern, dass man das nicht soll!
Die Bücher von andre Stern kenne ich, . Und hab versucht meinen großen Sohn so zu erziehen.
LG dani
Hallo dani!
„Das macht/darf/soll man nicht!“, ist für Kinder keine befriedigende Erklärung. Ich glaube, dass jedes Kind irgendwann mal Essen vom Tisch wirft und diese Phase auf jeden Fall vorbeigeht. Eine einfache Lösung wäre, die Mahlzeiten gleich unter Zuhilfenahme einer Tischdecke auf den Fußboden zu verlegen, so wie unsere arabischen Freunde es tun. Soll das normale Essen am Tisch beibehalten werden, hilft bei einem nicht abwaschbaren Boden eine Unterlage unter dem Essplatz des Kindes. Eine Erklärung, warum man das Essen nicht auf den Boden wirft, hilft wohl erst, wenn das Kind alt genug ist, diese auch zu begreifen. Unsere Große hatte erst mit 3 1/2 Jahren verstanden, dass der Hund, der sonst ab und zu etwas vom Tisch der Oma bekommen hat, nicht mehr da ist. 😉
Liebe Grüße
Patrick
Hallo Evelin und Patrick,
habt ihr vielleicht auch Erfahrungen mit einem möglichen Widerspruch zwischen windelfrei und Nicht-Erziehung? Wir haben angefangen, unseren Sohn (heute 19 Monate) mit etwa einem halben Jahr mit Stoffwindeln zu wickeln und gelegentlich abzuhalten. Zugegeben, kein „richtiges“ windelfrei, aber: Anfangs ein überragender Erfolg! Fast 80% des großen Geschäfts landete in der Toilette. Im Sommer klappte das „eigenständige“ Pipimachen (irgendwo) oder abhalten in Garten, auf einem mobilen Töpfchen etc. auch sehr gut.
Inzwischen entscheidet er sich aber immer öfter selbst dazu, „heimlich“ in die Windel zu machen. Ihn abzuhalten klappt inzwischen mit Büchern wieder besser, aber auch nur Zuhause. Und oft bekommen wir gar nichts mit und haben dann die volle Windel mit wundem Po und umso mehr Protest.
Nur morgens klappt es ohne Probleme und sogar mit Pipi selbst abwischen.
Einerseits wollen wir ihm ermöglichen, selbst zu entscheiden, wann er was macht und ihn nicht aufs Klo zwingen. Andererseits wissen wir aber auch, dass er unter dem Geschäft in der Windel leidet und glauben nicht, dass er die Ereignisfolge schon so richtig absehen kann.
Wahrscheinlich muss man den Status quo einfach akzeptieren. Wir wissen ja auch, dass es an Konsequenz unsererseits mangelt und hoffen nun, dass es sich im Sommer wieder bessert.
Oder habt ihr noch hilfreiche Ideen und/oder Meinungen dazu?
Danke und viele Grüße
Hallo Bine,
worin siehst Du einen Widerspruch zwischen „windelfrei“ und „Nicht-Erziehung“? Man erzieht ein Kind nicht, wenn man auf seine Signale hört und reagiert.
Ja, die Zeit um die zwei Jahre war auch bei unserer Mittleren etwas kompliziert. Sie ließ es manchmal einfach „laufen“. Sowas passiert leider, auch wenn es für uns Große bisweilen ärgerlich ist.
Lass Dich von diesen Unfällen nicht unter Druck setzen, denn es ist den Kindern selbst unangenehm. Meistens waren sie in dem Moment gerade mit irgendwas sehr wichtigem beschäftigt. Da kann man sein Ausscheidungsbedürfnis schon mal vergessen oder ignorieren.
Wir haben zum Glück keinen Teppichboden und können Unfälle schnell wegwischen. Wenn wir das Gefühl haben, ein Kind müsste eigentlich schon seit längerer Zeit mal wieder aufs Klo, fragen wir es, ob es mal müsste. Aber auch hier kann man nicht immer mit einer Antwort rechnen. 😉
Wenn es sich abhalten lässt, ist alles ok. Wenn sich das Kind mit Händen und Füßen wehrt, sollte man das akzeptieren und später noch einmal versuchen. Es wird auf jeden Fall besser, versprochen! 🙂
Ich hoffe, ich konnte Dir weiterhelfen.
Liebe Grüße
Patrick
Eine Gesellschaft beruht auf Regeln, die einzuhalten sind. Wenn man das als Kind nicht lernt, dann NIE.
Und an Patrick: wenn ein Kind mit zwei Jahren noch „laufen läßt“, dann habt ihr ALLES FALSCH GEMACHT. Meine Kinder waren mit etwas mehr als einem grundsätzlich trocken. Das sie sich mal vergessen ist eine andere Nummer. Und was ist wichtiger als sich nicht selbst vollzupissen?
Da fallen mir viele Dinge ein; Anstand zum Beispiel. Wenn unsere Kinder nicht so werden wie Du, haben wir alles richtig gemacht. 🙂