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Aktualisiert am: 10.08.2026

Unordnung im Kinderzimmer – Spielzeug und Alltag einer Familie

„Kinder die ihr Zimmer aufräumen? Pfft… Mütter mussten ihren Sprösslingen schon immer hinterherräumen.“ Das Bild meiner Mutter im Kopf, bahne ich mir den Weg durch das Zimmer, um umherliegendes Spielzeug, ausgespuckte Olivenkerne, schlammige Gummistiefel und halbleere Trinkbecher zusammen mit der Schmutz- und Stinkwäsche aufzusammeln.

Hierbei trete ich mit meinem Strumpf in eine angebissene Tomate und stoße mir das Knie am Puppenwagen.

„Woher haben meine Kinder nur diese Unordnung?“, frage ich mich.

Der Schraubenzieher und die benutzten Herrentaschentücher auf dem Fußboden antworten mir prompt.

Ich frage mich ernsthaft, ob Erziehung hier geholfen hätte. Das Bild meiner Schwiegermutter taucht in meinem Kopf auf, als ich die Gartensachen meines Liebsten die Sofalehne verzieren sehe. Schon drei Tage liegen sie dort. Fünf Schritte sind es bis zum Wäschekorb. Der Weg zurück in den Kleiderschrank ist nicht länger.

Aufräumen – der ewige Kampf zwischen Ordnung und Unordnung

Unordnung und Chaos sind imstande, die liebevolle Beziehung zu den Kindern und zum Partner auf eine harte Probe zu stellen.

All die gut gemeinten Tipps für ein aufgeräumtes Zimmer, mit separaten Schachteln für Spielzeugautos und Puppenkleidung, transparenten Kisten für Legosteine und verschiedenfarbigen Wäschekörben, können das Aufräumen erleichtern. Sie verhindern allerdings kaum, dass im Familienalltag trotzdem Schlammspuren, Spielzeug und halbleere Trinkbecher dort auftauchen, wo wir sie gerade überhaupt nicht gebrauchen können.

Einmal sah ich dem dreijährigen Kind einer Freundin beim Aufräumen eines Puzzles unter erzieherischer Anordnung zu. Im Anschluss daran wohnte ich im gleichen Zimmer der Herstellung tausender Papierschnipsel auf dem frisch gesaugten Teppich bei. Das war sie, dachte ich damals: die Gegenreaktion.

Eine „Ordnungs- und Sauberkeitserziehung“ ist sinnlos. Davon bin ich überzeugt!

Ein Teil dessen, was uns Erwachsenen im Alltag so hartnäckig vorkommt, hat außerdem mit Entwicklung zu tun. Die Psychologin Adele Diamond beschreibt Selbststeuerung, Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität als zentrale exekutive Funktionen. Sie helfen dabei, Impulse zu bremsen, eine Aufgabe im Kopf zu behalten und zwischen Anforderungen zu wechseln; diese Fähigkeiten entwickeln sich während der Kindheit weiter.[1] Das macht die Tomate an meinem Strumpf kein bisschen appetitlicher. Es nimmt herumliegenden Dingen aber etwas von dem moralischen Gewicht, das Erwachsene ihnen gern verleihen.

Das Wesen von Ordnung und Unordnung verstehen

Das Kopfkino läuft weiter und Konfuzius taucht auf. Leicht nach vorn gebeugt legt er seine Hände in Brusthöhe übereinander und spricht: „Erkläre mir, und ich vergesse. Zeige mir, und ich erinnere. Lass es mich tun, und ich verstehe.“

Der Dreisatz wird Konfuzius häufig zugeschrieben. Historisch lässt sich diese Zuschreibung jedoch nicht zuverlässig belegen.

Wie soll ein Kind Unordnung verstehen, wenn es sie nicht erleben darf?

Spielzeug auf dem Boden ist allerdings noch kein „Haushaltschaos“ im Sinn der Forschung. Forschende erfassen darunter anhaltende Desorganisation und Instabilität im Zuhause, etwa Unvorhersehbarkeit, Lärm, wechselnde Abläufe und wenig Struktur. Eine Metaanalyse von 35 Studien mit insgesamt 16.480 Kindern fand einen kleinen Zusammenhang zwischen mehr Haushaltschaos und schwächeren exekutiven Funktionen (r = .16). Die Stärke hing von der Messmethode ab; bei direkten Leistungstests lag der Zusammenhang bei r = .11.[2] Ein systematischer Scoping-Review über 112 Studien fand ebenfalls Zusammenhänge mit verschiedenen kindlichen, elterlichen und familiären Ergebnissen. Die Autor:innen bewerteten die methodische Qualität der einzelnen Studien jedoch nicht und leiteten daraus ausdrücklich keine Empfehlungen für die Praxis ab.[3] Ein wilder Spielnachmittag und ein dauerhaft unberechenbarer Familienalltag sind damit wissenschaftlich zwei verschiedene Dinge.

Detailliertere Aussagen trifft Ekkehard von Braunmühl, der meint, dass Kinder mit unserer Ordnungsvorstellung nicht viel anfangen können – und deshalb z.B. ihr Zimmer nicht aufräumen.

Kinder verfügen schon zeitig über ihre eigenen Vorstellungen von Ordnung. Das sehen wir bei uns an alltäglichen Ritualen, deren Ablauf sehr genau feststand.

Bei uns bestand eines unserer Kinder zum Beispiel lange darauf, dass Wörter beim Vorlesen nicht verändert wurden. Beim Essen sollte jede Person stets auf demselben Platz sitzen. Nur Mami durfte den Autogurt lösen. Und nur Papi das Kind aus dem Reboarder heben.

„Wer von dem Wert der Ordnung wirklich überzeugt ist, duldet gern jede Unordnung, weil Kinder das Recht haben, den Wert der Ordnung selber zu erfahren, und das geht nicht durch Vorbild oder Erpressung, sondern im Erleben von Unordnung.“, schreibt Ekkehard von Braunmühl in „Zeit für Kinder“.

Selber aufräumen, gemeinsam aufräumen, sinnvoll aufräumen

Zum „Zimmer aufräumen“ führt er weiter aus: „Im Übrigen räumt, wenn es vernünftig und ehrlich zugehen soll, derjenige auf, der sich an Unordnung stört.“

Unsere Kinder wollen an vielem, was wir tun, teilhaben. Das schließt bei uns das Aufräumen mit ein. Da wird das Zimmer gesaugt, die Treppe gekehrt oder der Müll in den Mülleimer verfrachtet. Wir möchten, dass dieses Mitmachen freiwillig bleibt. Zwang, Erziehungsdruck und Bestrafung passen für uns dazu nicht.

Wenn wir sagen: „Räume doch bitte ein bisschen hier auf“, ist das viel zu ungenau. Eine spezifische, wirklich ablehnbare Bitte ist überschaubarer: „Magst du die Kinderstühle aus dem einen Zimmer wieder in das andere räumen?“ Oder: „Magst du die Bausteine mit mir in die Kiste legen?“ Ein Ja ist möglich. Ein Nein auch. Wie wir Bitten, Grenzen und Entscheidungen auseinanderhalten, beschreiben wir ausführlicher in unserem Beitrag über Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern.

Bei uns sieht ein Raum kurz nach dem Aufräumen häufig wieder erstaunlich ähnlich aus wie zuvor. Das Aufräumen gehört zu unserem Familienalltag. Das Spielen eben auch.

In diesem Sinne schenken wir unseren Kindern Vertrauen und lassen wir sie die Schattenseiten der Unordnung und damit den Wert der Ordnung erfahren. In den meisten Fällen ist das ja nicht schwer. 😉

Kinderzimmer aufräumen: Was uns im Alltag hilft

Wenn das Durcheinander selbst uns gerade überrollt, hilft uns vor allem, die Aufgabe klein zu machen. Ein freier Boden ist ein Ziel. Ein ganzes Zimmer ist schnell eine Weltanschauung. Feste Plätze und Kisten nehmen uns Sucharbeit ab. Und an Tagen, die ohnehin bis zum Rand voll sind, darf Ordnung bei uns auch warten.

Verantwortung hört dabei bei den Erwachsenen nicht auf. Wenn unsere Sachen herumliegen, gehören sie zum selben Durcheinander. Der Schraubenzieher vom Anfang dürfte sich angesprochen fühlen.

Mehr über unsere grundsätzliche Haltung zu Beziehung, Verantwortung und Erziehung findet ihr in Zehn Jahre ohne Kindererziehung.

Weiterführend

Weiterführende, gut lesbare Texte findet ihr beim Gewünschtesten Wunschkind aller Zeiten und bei der Süddeutschen.

Quellen (wissenschaftlich, Auswahl)

  1. Diamond, A. (2013). Executive Functions. Annual Review of Psychology, 64, 135–168. DOI: 10.1146/annurev-psych-113011-143750. Tragende Stelle: Abstract und Darstellung der exekutiven Funktionen und ihrer Entwicklung.
  2. Andrews, K., Atkinson, L., Harris, M. & Gonzalez, A. (2021). Examining the effects of household chaos on child executive functions: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 147(1), 16–32. DOI: 10.1037/bul0000311. Tragende Stelle: Abstract; 35 Studien, 16.480 Kinder, Gesamteffekt r = .16 sowie Unterschiede nach Messmethode.
  3. Marsh, S., Dobson, R. & Maddison, R. (2020). The relationship between household chaos and child, parent, and family outcomes: a systematic scoping review. BMC Public Health, 20, 513. DOI: 10.1186/s12889-020-08587-8. Tragende Stellen: Methodenteil und Discussion zu erfassten Formen von Haushaltschaos, Studienumfang und Einschränkungen.

Literatur: Ekkehard von Braunmühl: Zeit für Kinder: Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit, Kinderschutz.

CC BY-SA 4.0 Zimmer aufräumen? Nein danke! – Warum Unordnung für Kinder wichtig ist. von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.