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Aktualisiert am 14. August 2026

Ich stamme aus einer Familie vom „alten Schlag“. Als Kind gab es wenig Lob und noch viel weniger Umarmungen. Da ich es nur so kannte, fühlte sich das normal an. Erst als ich bei meiner Freundin anderes sah, veränderte sich meine Wahrnehmung. Ihre Mutter drückte und umarmte sie sehr viel. Sogar wenn sie einmal „ungezogen“ war. Damals wünschte ich mir für mich dasselbe. Als Erwachsene begann ich, mich mehr mit dem Thema „Bindung“ zu beschäftigen. Und ich erkannte, wie wichtig körperliche Nähe zwischen Eltern und Kind sein kann. Umarmungen, Streicheln und Kuscheln gehören für viele Familien zu dieser Nähe. Darüber möchte ich euch in meinem Gastbeitrag erzählen.

Meine Erfahrung mit Noah ist dabei genau das: eine Erfahrung. Danach schaue ich darauf, was Forschung über Berührung, Bindung und Stressregulation sagen kann – und wo ihre Aussagekraft endet.

Kurz gesagt: Angenehme Berührung kann beruhigen und Verbundenheit spürbar machen. Ob eine Umarmung in einem aufgewühlten Moment passt, hängt davon ab, wie euer Kind auf Berührung reagiert.

Als Baby liebte Noah das Kuscheln

Als mein Sohn Noah da war, beschloss ich, dass Umarmungen eine wichtige Rolle in meiner Erziehung spielen sollten. Da ich ganz anders aufgewachsen war, fiel mir das nicht immer leicht.

Solange Noah ein Baby war, war das Kuscheln und Festhalten einfach. Mein Kleiner genoss das Streicheln und fühlte sich wohl. Je älter er wurde, desto mehr pochte er aber auf Distanz.

Tobende Kinder zu umarmen ist nicht immer einfach

Im Grunde genommen fand ich das gut. Noah bewegte sich freier durch die Welt und wollte mehr selbst bestimmen. Mit dem Wachsen häuften sich aber auch seine Wutanfälle. Wutanfälle in der sogenannten „Trotzphase“, die heute oft Autonomiephase genannt wird, sind schließlich nichts Ungewöhnliches.

Mich stellte es jedoch vor eine Herausforderung: Denn Umarmungen erscheinen mir bei einem tobenden Kind anfangs nicht gerade naheliegend. Vor allem wenn Noah in der Öffentlichkeit trotzte, war es schwierig.

Das wütende Kind im Supermarkt

Einmal warf er sich im Supermarkt auf den Boden. Er schlug um sich und schrie. Ich redete ruhig auf ihn ein, aber er war nicht zu besänftigen. Immer mehr Leute musterten uns. Eine Frau sagte: „Die hat das Kind nicht im Griff!“

In diesem Moment wurde mir alles zu viel. Ich war kurz davor, Noah mit Gewalt aus dem Geschäft zu zerren. Dann erinnerte ich mich an meinen Vorsatz. Ich berührte ihn vorsichtig und fragte: „Brauchst du ein paar Umarmungen?“

Zu meiner Überraschung fiel der ganze Zorn von ihm ab. Er warf sich fast in meine Arme. Ohne einen weiteren Vorfall verließen wir den Supermarkt. Später wurde mir klar, wie hungrig und müde Noah gewesen war.

Ich war stolz auf ihn – und auf mich. Die Umarmung half uns in diesem Moment, die Lage zu beruhigen. Mir war wichtig, Noah auch in schwierigen Momenten zu zeigen, dass er auf mich zählen kann.

Nähe und Zärtlichkeit: Was wir über Bindung wissen

Tochter schmiegt sich an ihren Papa

Tochter schmiegt sich an ihren Papa. Foto von Caroline Hernandez auf Unsplash.

Wenn Eltern oder andere enge Bezugspersonen ihr Baby halten, tragen, streicheln oder mit ihm kuscheln, erlebt das Baby Beziehung auch über den Körper. Berührung gehört zu den frühen Wegen, über die Bezugsperson und Baby miteinander in Kontakt sind.

Mit „Urvertrauen“ meine ich hier ganz alltagsnah die Erfahrung, bei vertrauten Menschen Schutz, Trost und verlässliche Nähe zu erleben. Körperkontakt kann ein Teil davon sein. In der Bindungsforschung wird genauer untersucht, wie sich die Beziehung zwischen einem Kind und seinen Bezugspersonen entwickelt.

Wenn ihr das Thema vertiefen möchtet, findet ihr mehr dazu in unserem Beitrag über Attachment Parenting und beziehungsorientierte Elternschaft.

Was Forschung zu Berührung, Stress und Co-Regulation zeigt

Am besten untersucht ist Hautkontakt direkt nach der Geburt. Der 2025 aktualisierte Cochrane-Review umfasst 69 Studien mit 7.290 Mutter-Kind-Paaren. Bei gesunden Neugeborenen führte unmittelbarer oder früher Hautkontakt wahrscheinlich häufiger zu ausschließlichem Stillen und höheren Blutzuckerwerten. Die Körpertemperatur lag ebenfalls etwas höher; dieser Unterschied war klinisch wohl klein. Bei Atmung und Herzfrequenz waren die Ergebnisse unsicherer. Viele Studien hatten weniger als 100 Mutter-Kind-Paare. Außerdem wussten Mütter und Personal, ob Hautkontakt stattfand. Beides begrenzt die Aussagekraft.

Eine zweite große Auswertung schaut viel breiter auf Berührung. Packheiser und Kolleg:innen werteten 2024 insgesamt 137 Studien mit 12.966 Personen aus. Bei Neugeborenen fielen besonders Effekte auf Cortisol und Gewicht auf. Die untersuchten Berührungsinterventionen reichten von der Känguru-Methode über Massage bis zu sanfter Berührung. Kleinere Studien zeigten tendenziell stärkere Effekte, was die Autor:innen ausdrücklich als Einschränkung nennen. Für einen Wutanfall im Supermarkt endet diese Forschung damit weit vor einem Rezept.

Das passt zu meiner Erfahrung mit Noah: Die Umarmung half uns damals. Diese eine Szene erzählt etwas über uns beide in diesem Moment. Ihre Aussage endet auch genau dort.

Was im Körper passiert, wenn Nähe guttut

Der Körper verarbeitet Berührung über mehrere Systeme. Oxytocin spielt dabei eine Rolle, ist aber nur ein Teil der Geschichte. Carozza und Leong beschreiben in ihrem Review zu Säuglingen unter anderem C-taktile Nervenfasern, das autonome Nervensystem sowie Dopamin- und körpereigene Opioidsysteme. Studien bringen liebevolle Berührung im Säuglingsalter außerdem mit Veränderungen der Stressreaktivität und parasympathischen Regulation in Verbindung.

Das erklärt mögliche Wege, über die Berührung beruhigend wirken kann. Wie ein bestimmtes Kind im konkreten Moment reagiert, bleibt davon offen.

Wenn euer Kind Abstand möchte

Manche Kinder suchen in hoher Anspannung die Arme einer vertrauten Person, andere weichen Berührung aus. Auch dasselbe Kind kann an zwei Tagen verschieden reagieren. Körperliche Selbstbestimmung gehört auch in einen Wutanfall.

Ein „Darf ich dich drücken?“ oder „Brauchst du vielleicht eine Umarmung?“ lässt Raum für eine echte Antwort. Dreht sich euer Kind weg, wehrt es die Hand ab oder macht Abstand, passt Präsenz ohne Berührung oft besser. Das kann ganz unspektakulär aussehen: daneben sitzen, ruhig sprechen, ein Kissen, eine Decke oder ein Kuscheltier anbieten und später reden, wenn der Moment vorbei ist.

Wenn ihr euch mit heftigen Gefühlen im Kleinkindalter gerade intensiv auseinandersetzt, passt dazu auch unser Beitrag Wenn Kleinkinder hauen, beißen, schubsen: ruhig bleiben und gut eingreifen.

Ein düsteres Kapitel der Bindungsforschung

Die Bindungsforschung hat auch eine dunkle Geschichte. Harry Harlow trennte junge Rhesusaffen von ihren Müttern und setzte Tiere künstlichen Ersatzmüttern oder sozialer Isolation aus. Für die jungen Rhesusaffen bedeuteten diese Versuche Trennung, Isolation und Eingriffe in ihre sozialen Beziehungen.

Die Versuche beeinflussten die Bindungsforschung trotzdem stark. Van der Horst, LeRoy und van der Veer rekonstruierten anhand von Briefen, Archivmaterial und Publikationen den engen fachlichen Austausch zwischen Harlow und John Bowlby ab 1957. Bowlby nutzte Harlows Versuche als empirische Stütze für seine entstehende Bindungstheorie.

Das macht die Versuche wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam und ethisch schwer erträglich.

Kuschelnde Makaken-Familie auf Bali

Makaken-Familie auf Bali. Harlow trennte für seine Experimente junge Rhesusaffen von ihren Müttern. Foto von Aleksey Oryshchenko auf Unsplash.

Fazit zu Umarmungen, Zärtlichkeiten und Nähe in der Familie

Was ich aus allem mitnehme: Eine Umarmung kann in einem schweren Moment viel bedeuten. Bei Noah hat sie uns im Supermarkt geholfen. Für gesunde Neugeborene zeigt Forschung gute Gründe für frühen Hautkontakt. Bei älteren Kindern kommt es stärker darauf an, ob Berührung in der konkreten Situation willkommen ist.

Umarmungen sind keine Methode, mit der sich Gefühle wegmachen lassen. Für mich sind sie ein Angebot: Ich bin da. Du darfst wütend, müde oder verzweifelt sein. Und wenn du Nähe möchtest, findest du mich.

Wenn ihr die Forschung tiefer nachlesen möchtet: Moore et al. (2025), Carozza & Leong (2021), Packheiser et al. (2024) und zur Forschungsgeschichte van der Horst et al. (2008).

Auch der Liedermacher Gerhard Schöne findet in seinem Lied „Schmusen muss sein“ knackige Worte dafür, warum Umarmungen, Streicheln und Kuscheln für uns Menschen so wichtig sind:

Wenn ihr davon erzählen möchtet, wie ihr Umarmungen und Kuscheln in der Beziehung zu eurem Kind erlebt, freuen wir uns über eine E-Mail mit euren Erfahrungen.

Zum Weiterlesen: Wutanfälle in der Autonomiephase bedürfnisorientiert begleiten, Aggression bei Kleinkindern verstehen und Attachment Parenting und beziehungsorientierte Elternschaft.

Gastbeitrag von Julia Berger. Julia ist Mutter von Noah und gern mit Sohn und Hund in der Natur unterwegs. Laut der damaligen Autoreninfo schrieb sie für WeAreMoms.de. Die Website ist nach unserer Prüfung heute nicht mehr verlässlich erreichbar. Dieser Beitrag wurde redaktionell von Free Your Family geprüft und überarbeitet.

CC BY-SA 4.0 Wie ihr euer Kind aus der Wut begleitet und dabei die Bindung zwischen euch stärkt: die geheime Magie des Kuschelns und der Umarmungen von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.