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Zuletzt aktualisiert: 14. August 2026

Liebe Mamas und Papas,

gehört ihr auch zur großen Gruppe der Vergnügten, die während der Pandemie plötzlich „Homeschooling“ betreiben sollten? Wer damals regelmäßig Klassen- oder Elternchats las, suchte das Wort „Vergnügung“ vergebens. Zerknüllte Arbeitsblätter, Kinder mit rauchenden Köpfen über ihren Schulsachen am Küchentisch und Erwachsene zwischen Elternrolle, Erklären und technischer Notfallhilfe erzählten ziemlich deutlich, wie sich diese Monate für manche Familien anfühlten.

„Also dieses Freilernen, das funktioniert nicht bei uns. Wir hatten jetzt ein halbes Jahr Homeschooling. Wie das diese typischen Reisefamilien nur machen? Also mit meinem Kind klappt das nicht.“

Genau an dieser Stelle lohnt sich die Begriffsklärung. Distanzunterricht, Homeschooling, Freilernen und Unschooling bezeichnen unterschiedliche Bildungsformen und Situationen.

Kurz zur Orientierung: Beim Distanzunterricht organisiert die Schule den Unterricht auf räumliche Distanz. Mit Homeschooling bezeichne ich hier Bildungsformen, bei denen Familien einen großen Teil der Bildungsorganisation außerhalb einer regulären Schule übernehmen; die genaue Bedeutung hängt vom jeweiligen Land und Rechtsrahmen ab. Mit Freilernen oder Unschooling meinen wir hier selbstbestimmte Bildung ohne festen Lehrplan, bei der Interessen, Fragen, Projekte und Alltag den Lernweg stark prägen.

Distanzunterricht: Schule auf räumliche Distanz

Das Bildungsportal NRW beschreibt Distanzunterricht als Unterricht, bei dem Lehrkräfte Schüler:innen mit räumlicher Distanz und in engem, planvollem Austausch unterrichten. In der während der Pandemie geltenden nordrhein-westfälischen Regelung war Distanzunterricht Teil des schulischen Unterrichts; schulische Vorgaben, Organisation und Leistungsbewertung bestimmten weiter den Rahmen.

In Nordrhein-Westfalen änderte sich also vor allem der Ort. Schule, Lehrkräfte und Unterrichtsvorgaben strukturierten den Unterricht weiterhin. Für Familien konnte sich das anfühlen, als wäre die Schule mit an den Küchentisch gezogen.

Die Belastung dieser Monate hatte mehrere Ursachen. Die Kultusministerkonferenz beschreibt für die Pandemie unter anderem lange Phasen vollständiger oder teilweiser Schulschließungen, ungleiche Bedingungen beim digitalen Lernen und psychosoziale Belastungen. Der Frust am Küchentisch erzählt deshalb viel über diese Ausnahmesituation und wenig darüber, wie langfristig gewählte selbstbestimmte Bildung im Alltag einer Familie aussieht.

Homeschooling kann sehr unterschiedlich aussehen

Unter diesem Homeschooling-Begriff können Familien sehr unterschiedliche Wege wählen. Je nach Land, Rechtslage und Familie kann das stark strukturiert sein oder sehr offen. Manche arbeiten mit Wochenplänen, andere projektbezogen, wieder andere viel alltagsnäher.

So gibt es bei manchen Familien zum Beispiel …

  • einen klaren Wochenplan mit oder ohne Wochenziel,
  • Tage mit externen Angeboten wie Seminaren, Kursen oder Musikstunden,
  • regelmäßige Ausflüge,
  • ein festes Schulzimmer zuhause,
  • Praktika,
  • Projekte,
  • externe Lehrende oder Mentor:innen für einzelne Themenfelder.
Wikingermuseum in Ribe

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Der Begriff deckt also Familien ab, die sehr schulnah arbeiten, und Familien, die ihren Alltag deutlich offener organisieren.

Für Familien in Deutschland gehört die Rechtslage zu dieser Begriffsklärung. Das Bundesverwaltungsgericht hat 2009 klargestellt, dass das Elternrecht aus Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes grundsätzlich keinen Anspruch darauf vermittelt, die Schulpflicht durch staatlich beaufsichtigten häuslichen Unterricht zu ersetzen. Die Schulgesetze der Länder regeln die Schulpflicht im Einzelnen.

Freilernen und Unschooling: selbstbestimmte Bildung im Alltag

Manchmal unterrichten die Mütter oder Väter und geben Aufgaben vor. Manche Familien richten sich in Sachen Bildung aber auch völlig nach den Kindern. Diese Form bezeichnen wir als „Freilernen“. Es beschreibt die Variante, die wir mit unseren Kindern praktizieren. Sie wird auch „Unschooling“, „autodidaktisches Lernen“ oder „selbstbestimmte Bildung“ genannt.

Außerdem findet das Lernen weder isoliert noch ausschließlich zu Hause statt – anders als der Begriff „Homeschooling“ vermuten lässt.

Wir organisieren Treffen mit:

  • Freunden,
  • Familien,
  • Gruppen,
  • Künstlern,
  • Handwerkern und
  • Menschen, die ihr Können gern unseren Kindern zeigen.

Wir besuchen regelmäßig:

  • Museen,
  • Festivals,
  • Bibliotheken,
  • Spielplätze,
  • Universitäten,
  • Vorträge,
  • Theater,
  • Konzerte,
  • Planetarien,
  • botanische Gärten,
  • Baudenkmäler,
  • Burgen und Schlösser,
  • Geburtshäuser oder Kreißsäle,
  • Waldakademien,
  • Bauernhöfe,
  • Sporthallen,
  • Kirchen, Moscheen, Tempel und vieles mehr.

Der Anlass entscheidet oft mehr über das Lernen als der Raum.

Die Akropolis in Athen: Geschichte für Worldschooler

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John Holt prägte die Unschooling-Debatte in den USA wesentlich. Patrick Farenga, der Holts Arbeit bei Growing Without Schooling fortführte, fasste die heute verbreitete Verwendung des Begriffs in der 2003 aktualisierten Ausgabe von Teach Your Own so zusammen:

„Wenn ich dazu gedrängt werde, definiere ich Unschooling als das Zulassen von so viel Freiheit für die Kinder, in der Welt zu lernen, wie es ihre Eltern bequem ertragen können.“ – Patrick Farenga

Interessen, Beziehungen, Projekte, Fragen und praktische Situationen geben dem Lernen die Richtung.

Meine Rolle: Lernbegleiterin, Wegbereiterin, Unterstützerin

In Deutschland ernte ich oft Unverständnis. Meine Erklärung ist vielen wahrscheinlich zu philosophisch. Aber ich meine das wörtlich. Nein, ich bin keine Lehrerin unserer Kinder. Begriffe wie Lernbegleiterin, Wegbereiterin, Unterstützerin oder selbst Schülerin passen für mich viel besser.

Beim Freilernen folgen Inhalte idealerweise den Fragen und Interessen des jungen Menschen, statt einem Stoffplan, der allein vom Wochentag oder Lehrplan abhängt. Lesezeit kann entstehen, weil ein Buch, eine Anleitung oder ein Thema lockt. Ein Kurs kann passen, wenn er wirklich interessiert. Lernen wächst aus Fragen, aus Nähe zur Sache, aus echtem Gebrauch.

Kind liest Anleitung

Intrinsisch und selbstbestimmt lernen: Wer eine Anleitung verstehen will, muss sie lesen.

Ihr findet das irre? 😀

Nachhaltiges Lernen, Motivation und Bewertung

Das liegt daran, dass in der Gesellschaft die Ausdrücke „lernen“ und „spielen“ so verwendet werden, als würden sie sich ausschließen. Für unsere Kinder ist alles Spiel. Sie sagen nicht: „Oh, jetzt habe ich mit der Schere einen Buchstaben ausgeschnitten. Da habe ich was gelernt!“ Auch nicht: „Ei schau, in diesem Karton sind 100 Wattestäbchen. Weil ich sie zählte, habe ich die Zahlen gelernt.“

Ob sie laufen lernen, Bausteine stapeln, beim Holzspalten helfen, auf einer Schreibmaschine tippen, sich ein Buch zum Lesen schnappen oder die Integralrechnung für sich entdecken: Sie tun das aus eigenem Interesse heraus. Und keiner sagt nach 45 Minuten: „So, Zeit für etwas anderes!“

Begeisterung für klassische Musik

Ein Konzertbesuch, um klassische Musik zu „erfahren“.

Unsere Familienerfahrung steht für sich. Forschung kann einzelne Fragen dazu beleuchten. Patzak und Zhang fassten 2025 insgesamt 94 Studien und 110 Effektstärken zu Autonomieunterstützung und Struktur im Unterricht zusammen. Autonomieunterstützung und Struktur hingen insgesamt positiv zusammen. Autonomieunterstützung korrelierte außerdem mit Autonomieerleben, Kompetenzerleben und akademischem Engagement; Struktur mit Autonomie- und Kompetenzerleben. Die Studien unterschieden sich stark. Beim Publikationsbias war das Bild gemischt: Ein Verfahren deutete auf möglicherweise fehlende kleine oder negative Effekte, ein anderes fand keine statistisch signifikante Asymmetrie. Für mich ist daran besonders interessant: Autonomie und verlässliche Struktur können sich ergänzen. Die Untersuchung bezieht sich auf Unterrichtssettings. Wer daraus direkt auf Unschooling schließen möchte, macht einen zusätzlichen Schritt, den die Studie selbst nicht untersucht hat.

Beim Stress ist die Sache komplizierter als die bekannte Faustformel „Angst blockiert das Gehirn“. Vogel und Schwabe beschrieben 2016, dass Stress Lernen und Gedächtnis je nach Zeitpunkt und Situation unterschiedlich beeinflusst. Eine neuere Übersicht von Lars Schwabe aus dem Jahr 2025 beschreibt ebenfalls dynamische Effekte auf Gedächtnisbildung, Kontextualisierung, Abruf und Flexibilität. Für den Alltag heißt das: Stress kann Gedächtnisprozesse stören, doch sein Einfluss hängt unter anderem vom Stressor, vom Zeitpunkt und von individuellen Voraussetzungen ab.

Für mich folgt daraus keine Gewissheit über den einen richtigen Bildungsweg. Ich möchte Lernräume, in denen Interesse, Autonomie, Beziehung und verlässliche Unterstützung mehr Gewicht haben als dauernder Druck und Bewertung.

In unserer Familie gehören klassische Leistungskontrollen nicht zum Alltag. Wir verzichten auf Ausfragen, Noten und Leistungsvergleiche. Ich will meine Kinder von Anfang an als Menschen sehen, die Unterstützung brauchen können, aber keine ständige Korrektur.

Radical Unschooling und Deschooling

Bei „Radical Unschooling“ wird der Begriff weiter. Sandra Dodd beschreibt damit Unschooling, das von seinen Grundsätzen aus auf das ganze Leben ausgeweitet wird. Familien, die sich darin wiederfinden, beziehen die Prinzipien des Unschooling also über Bildungsfragen hinaus auf ihren Alltag.

„Deschooling“ bezeichnet in dieser Unschooling-Literatur eine Übergangsphase: Familien lösen sich nach einem Schulwechsel oder Ausstieg schrittweise von schulischen Routinen und Erwartungen und schauen neu darauf, wie Lernen im Alltag entsteht.

In dieser Zeit kann sich der Alltag zum Beispiel so verändern:

  • Tage bekommen ihren eigenen Rhythmus,
  • Fragen und Gespräche brauchen keine Melderegeln und
  • Lernen kann zu jeder Tageszeit und an sehr unterschiedlichen Orten stattfinden.

Wie viel Zeit so ein Übergang braucht, lässt sich aus diesen Begriffsquellen nicht als allgemeine Zahl ableiten. Für uns zählt dabei vor allem, einem Übergang Zeit zu lassen, statt sofort wieder einen neuen Stundenplan über den alten zu legen.

Papa erklärt seiner Tochter die Sojus-Kapsel

Einer der Berufswünsche unserer Tochter: Astronautin (der andere: Hebamme)

Was der Pandemie-Alltag über Freilernen aussagt

Die Erfahrungen aus den Lockdowns entstanden in einer Ausnahmesituation. Die Kultusministerkonferenz dokumentiert für die Zeit von Januar 2020 bis Mai 2021 insgesamt 183 Tage, an denen Schulen in Deutschland vollständig oder teilweise geschlossen waren. Sie beschreibt zugleich Lernrückstände, sehr unterschiedliche Voraussetzungen für digitalen Distanzunterricht und psychosoziale Belastungen. Diese Zahl fasst verschiedene Formen und Zeiträume von Schulschließungen zusammen; sie sagt nichts darüber aus, wie einzelne Familien jeden dieser Tage erlebten.

Für unsere Begriffsfrage lässt sich diese Situation knapp beschreiben: Schule ohne Schulgebäude. Lehrpläne, Aufgaben, Rückmeldungen und Bewertungen kamen weiterhin aus dem Schulsystem. Langfristig gewähltes Freilernen folgt einer anderen Ausgangslage: Familien richten Lerngelegenheiten stärker an Interessen, Alltag und selbstgewählten Vorhaben aus. Deshalb eignet sich der Pandemie-Distanzunterricht nur begrenzt als Vergleich für Unschooling oder Freilernen.

In den nächsten Blogartikeln nehme ich euch in unseren schulfreien Alltag mit. Ihr erfahrt meine persönlichen Beweggründe für das Unschooling. Zudem riskiere ich die freche Aussage: „Wir dürfen uns von der Idee verabschieden, Kinder bräuchten Schule.“

Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit, egal ob mit oder ohne Distanzunterricht.

Eure Evelin

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Quellen und Einordnung

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