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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026

Liebe Eltern von Freilernern und solchen, die es werden wollen,

in etlichen Grundschulen werden „schwache Schüler“ gern neben „starke Schüler“ gesetzt. Man mag sich an Bezeichnungen wie diese gewöhnen und sie als normal empfinden. Ich finde sie doof. Ja, ich finde sie sogar übergriffig. Denn meistens erzählen diese Wörter weniger über das Kind als darüber, wie gut es gerade in ein schulisches Bewertungssystem passt.

Durch das ungestörte und nicht vorgegebene Lernen von Kindern haben nonkonformistische Eltern einen anderen Blick auf Kinder. Anders gesagt: Die Einteilung in gut und schlecht, in lieb und böse, in intelligent und weniger schlau lehnen sie ab.

Natürlich erhoffen sich viele Lehrkräfte viel von der Theorie ihrer Sitzpläne: Der Starke soll den Schwachen unterstützen. Wer als leistungsschwaches Kind neben einem Streber sitzt, sei zudem motivierter, sich anzustrengen. Womöglich kennt ihr auch noch die strenge Sitzordnung aus eurer Schulzeit? Als Schwatz-Bremse sitzen manchmal sogar nur Mädchen neben Jungen. Und allein für die ganz Schüchternen gibt’s vielleicht mal eine Ausnahme. Vergessen wird dabei, dass man Hausaufgaben ja auch lieber mit einem Freund statt mit irgendeinem Klassenkameraden macht.

Schwacher Schüler neben starkem Schüler

Wenn wir Freiheit wollen, sollten wir sie kultivieren

Ich frage mich, wie die Einteilung in stark und schwach nützt, wenn sie doch spaltet. Die Schablone für Schüler trägt eben doch den Aufkleber „Förderung zur gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ statt „Bemühung um Wahrung der Einzigartigkeit“.

Natürlich muss eine Schule Unterricht organisieren, und eine Sitzordnung oder Lerngruppe ist noch kein Urteil über einen Menschen. Problematisch wird es dort, wo aus einer momentanen Leistung eine Eigenschaft des Kindes wird. Nur weil ein Kind nicht lehrbuchmäßig auswendig lernt oder andere Rechenwege sucht, als es üblich ist, soll es „schwach“ sein?

Überraschung: Kinder haben Gefühle

Was Erwachsene als praktische Einteilung verstehen, kann bei Kindern ganz anders ankommen. Deirdre McGillicuddy und Dympna Devine befragten und begleiteten für eine Studie 100 Kinder in drei irischen Grundschulen. Kinder in niedrigen Leistungsgruppen berichteten unter anderem von Scham, Niedergeschlagenheit und Minderwertigkeitsgefühlen; Kinder in höheren Gruppen eher von Stolz, Freude und Selbstvertrauen. Das ist nicht dieselbe Situation wie ein deutscher Sitzplan und beweist nicht, dass jedes Etikett dieselbe Wirkung hat. Aber es zeigt, dass Einteilungen nach zugeschriebener Leistung für Kinder mehr sein können als eine organisatorische Kleinigkeit.

Einteilung ist Bewertung

Ich habe eine Freundin, die Mutter von einem Sohn ist. Ich kenne ihr Kind und finde es, so wie meine Freundin, einfach klasse. Es spielt, baut Buden mit dem Nachbarsjungen, kampelt und verträgt sich, interessiert sich für Eisenbahnen und noch viel mehr. Kurz: Der Junge ist ein tolles Kind.

Junge spielt mit Modelleisenbahn

Seine Lehrerin bewertet dagegen vor allem seine „Leistung“ in der Schule. In seiner Klasse geht es laut her. Aber die Lehrerin unterrichtet eher leise und vielen Schülern fällt es schwer, ihr zu folgen. Egal, wie die Umstände sind: Statt sich ein neues Bildungskonzept für die Schüler zu überlegen oder der Lehrerin weitere Fachkräfte zur Seite zu stellen – sofern die Schule sie überhaupt hat –, gelten die Kinder als unaufmerksam. Es hagelt schlechte Noten, Einträge ins Muttiheft und Kritik am Verhalten.

Selbst wenn wir Bewertungen gut fänden, würden wir bei einem Kind, das wir mögen, Zweifel an dieser Bewertung hegen. Wir würden sagen, dass der aufgedrückte Stempel unfair ist. Gegen die Bezeichnung „schwacher Schüler“ würden wir als Eltern wahrscheinlich Einspruch erheben.

Es kommt nicht nur auf die „Leistung“ an

Man stelle sich vor, in der Klasse ist ein Mädchen namens Klein-Lieschen, das schon flüssig lesen kann, die Lehrer mit einem breiten Lächeln begrüßt und die Rechenaufgaben schnell und fehlerfrei löst. Ein echtes Vorbild für die anderen Schüler. In diesem Fall gilt sie als „starke“ Schülerin.

Was aber, wenn sie in den Pausen ihre Mitschüler mit unfairen Tricks erpresst oder andere Gemeinheiten begeht? Auch dann bleibt sie für Lehrer*innen und andere Erwachsene eine „starke“ Schülerin, obwohl ihr Verhalten in den Pausen ein ganz anderes Bild zeigt.

Klein-Lieschen schließt Mitschüler*innen in der Pause aus

Wie würde dieselbe Einteilung beim Unschooling aussehen?

In Dänemark, Kroatien und Deutschland lernten wir Unschooling-Familien kennen, in denen die Kinder oberhalb des Grundschulalters lagen. Sie besuchten keine Schule. Es gab keine schulische Bewertung. Ich schätzte den Austausch mit den Eltern, weil die Lernerfolge ihrer Kinder nicht ständig als Vergleich auf dem Tisch lagen.

Unter den alten Unschooling-Hasen kenne ich niemanden, der seine Kinder über alle Maßen lobt oder mit ihren Lernerfolgen prahlt. Das erlebe ich eher bei „Neulingen“ in der Szene. Vielleicht kennt ihr solche Gespräche auch: „Schau her, was mein Kind Tolles kann.“ Dahinter steckt schnell der Vergleich mit anderen: Mein Kind kann A, deins nur B. Mein Kind ist stark, deins ist schwach. Genau deshalb mag ich das Vergleichen nicht: Man bedient sich dabei, wie in den Schulen, aus den gleichen Schubladen.

Statt Prahlerei

„Funktioniert“ selbstbestimmte Bildung bei euch zu Hause? Falls ja, dann speichert es für eure inneren, noch in der Zukunft liegenden Zweifel, anstatt damit vor aller Welt zu prahlen. (Sowas kann man einfach den Großeltern überlassen.)

Bekommt ihr das Gefühl, dass das Lernen gerade stockt, dann tauscht euch mit erfahrenen Familien aus. An welchen Projekten arbeiten die Kinder aktuell? Welche Materialien kommen gut an? Was beschäftigt wen? Erinnert euch gegenseitig an das Bild vom freien Kind.

Uns Unschooling-Familien verbindet das Vertrauen in unsere Kinder. Egal, wie sie sind. Wir denken, dass Kinder von Natur aus zum Lernen geschaffen sind. Für alles, was sie brauchen, und jedes zu seiner Zeit. Es gibt keine starken und schwachen Unschooler. Es gibt Kinder, die zeitig lesen oder später, solche, die erst Bruchrechnen lernen und später die Uhr. Dann gibt es die, die Pflanzenbücher auswendig lernen, während andere ihren Tauchschein machen. Und es gibt manche, die sich auf einen Schulabschluss vorbereiten, und wiederum andere, die ohne offizielle Ausbildung in einen Beruf rutschen.

Mädchen lernt selbstbestimmt und macht chemische Experimente im Garten

An vielem, was unsere Kinder tun, lernen und ausprobieren, klebt ihre Begeisterung. Mit ihr schaffen sie etwas, experimentieren, finden Dinge heraus, eignen sich Wissen an und verfolgen ihre Ziele.

Das Problem mit dem Lob zuhause und in Schulen

Bekämen Erwachsene wieder volles Vertrauen in ihre Kinder, veränderte sich auch ihr Blick auf die (Un-)Notwendigkeit einer Erziehung mitsamt des Einteilens, Strafens und Lobens. Weil wir selbst durch Lob und Strafe sozialisiert wurden, fällt uns der Verzicht auf Erziehung und der Schritt zur liebevollen Begleitung freilich nicht leicht. Rutschen wir hin und wieder in alte Muster zurück, lohnt sich deshalb ein genauer Blick darauf, was Lob eigentlich tut.

Anders sieht es mit dem Loben aus. Loben wird oft mit Anerkennung gleichgesetzt. Für mich ist das nicht dasselbe. Lob bewertet. Anerkennung kann auch einfach heißen: Ich sehe, was du tust, und ich freue mich mit dir. Ein einzelnes „Gut gemacht!“ sagt darüber wenig. Die Form und das Muster des Lobes können einen Unterschied machen.

Hauen wir Kleinkindern schon beim Heruntersausen auf der Spielplatzrutsche jedes Mal ein „Na fein, prima! Gut gemacht, bravo, bravo!“ um die Ohren, wird die Bewertung schnell zum ständigen Begleiter. Vom Töpfchentraining zum Bild malen und Lesen lernen: Loben kann sich durch die ganze Kindheit ziehen.

Claudia Mueller und Carol Dweck fanden in sechs Studien mit Kindern in der fünften Klasse, dass Lob für Intelligenz wie „Du bist so klug“ nach einem Misserfolg ungünstiger wirkte als Lob für Anstrengung: Die so gelobten Kinder zeigten unter anderem weniger Ausdauer, weniger Freude an der Aufgabe und schlechtere Leistungen.

Gerade bei Kindern mit geringem Selbstwertgefühl greifen Erwachsene häufig besonders tief in die Lobkiste. Eddie Brummelman und Kolleg:innen fanden, dass Erwachsene ihnen häufiger überhöhtes Lob geben. In einem Experiment wählten Kinder mit geringem Selbstwertgefühl nach solchem Lob seltener eine schwierige Aufgabe; in einer späteren Längsschnittstudie mit 120 Eltern-Kind-Paaren hing häufigeres überhöhtes Lob mit einem später niedrigeren Selbstwertgefühl der Kinder zusammen. Das heißt nicht, dass Lob grundsätzlich schadet. Es heißt: Mehr Lob ist nicht automatisch hilfreicher.

Mehr dazu in unserem Artikel über Erziehung und warum wir sie ablehnen.

Anerkennung statt Lob

Echte Anerkennung zeigen wir, indem wir richtige Gespräche mit unseren Kindern führen: Zuhören, Gedanken ohne Bewertung austauschen, einander fragen und aussprechen lassen, erzählen und überlegen, was einem guttut, gefällt und hilft. Freut euch mit, wenn euer Kind zum ersten Mal etwas geschafft hat.

Anerkennung: achtsam, ehrlich und freundlich mit Kindern sprechen

Überlegen wir uns doch einmal, wie wir mit einer Freundin sprechen würden. Stellen wir uns vor, sie hätte eine langersehnte Stelle in ihrem Traumjob bekommen. Würden wir sagen: „Hey, ich freue mich mit dir!“ Oder eher: „Ja ganz große Klasse, das hast du fein gemacht!“?

Lasst das Vergleichen sein

Es gibt keine schwachen Schüler und auch keine starken. Wer Kinder ständig mit anderen vergleicht, borgt sich fremde Augen. Man sieht dann nicht mehr, wer da sitzt, spielt, fragt und wächst. Man sieht nur noch Abstände und Abstufungen. Das Kind selbst gerät aus dem Blick.

Lasst uns das Einteilen und Vergleichen ad acta legen. Die Würde unserer Kinder hängt nicht an ihrer Leistung. Und ihre Zukunft beginnt schon jetzt.

Nur Mut,
eure Evelin

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