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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026

Liebes Tagebuch,

heute ist ein Tag, den ich am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Dieser besondere Sonntag im Mai, der zum Ausschlafen einlädt. Statt in Ruhe dem frühlingsverheißenden Zwitschern der Vögel zu lauschen, fährt einem das jüngste Kind mit einem Spielzeugauto übers Gesicht. Das zweite ruft vom Klo, dass es „feeertig“ ist. Also taumelt man aus dem Bett, wischt den kleinen Hintern sauber. Sich danach wieder ins Bett zu legen, ist nie eine gute Idee. Ich mach’s trotzdem. Einschlafen kann ich zwar nicht, aber insgeheim hoffe ich, dass in der Küche jemand mit Geschirr klappert. Ein gedeckter Frühstückstisch mit frischen Brötchen, einem Blumensträußchen und Kaffeeduft – das wär’s! Also lausche ich.

„Mama, der hat mir die Decke weggezogen!“, schleudert es mir stattdessen um die Ohren. Während ich mich aufraffe, werfe ich meinem Kind die Decke ins Hochbett. Im Badezimmer beeile ich mich; eine ausgiebige Schönheitspflege oder Make-up sollen heute ja sowieso nicht sein. Man muss schon richtig aussehen wie eine „Mutti“. (Nebenbei: Die Bezeichnung „Mutti“ klingt für mich nach DDR und Kittelschürze. Obwohl ich meine Mutter unter anderem so nenne, will ich NIEMALS „Mutti“ genannt werden.)

Vorfreudig eile ich in die Küche. Es erwarten mich drei ausgekippte Puddingpäckchen, drei dreckige Stofftaschentücher, die Klamotten des männlichen Sandwichkindes und die Reste des Nachtsnacks meiner ältesten Tochter. Irgendwie kann ich mir den Satz „Muttertag – so schön wie jedes Jahr“ nicht verkneifen. Liebreizend erwidert mein Gatte im Nebenraum: „Gleich machen wir einen schönen Spaziergang, mein Schatzi. Ich muss erst noch meine Hose anziehen.“ Ich schnappe seine Jeans, die über dem Küchenstuhl hängt, und schieße sie nach drüben. „Die ziehe ich nicht mehr an. Die ist dreckig.“ „Dann soll sie in die Wäsche.“ Wenigstens Schatzi schenkt mir im Vorübergehen einen liebevollen Hundeblick. Sein Vorteil ist eben, dass er ein Hund ist.

Ich beseitige das Chaos in der Küche.

Mein weibliches Sandwichkind schenkt mir ein selbstgebasteltes Lesezeichen. Und die Älteste überreicht einen Mama-Herz-Zettel samt Werbeprospekt eines indischen Restaurants, in das wir sowieso nicht einkehren werden.

Höflich bedanke ich mich. Doch wenn ich ehrlich bin, freue ich mich an allen anderen Tagen im Jahr tausendmal mehr über meine Kinder als am Muttertag. Diese Markierung im Kalender ist es, die mich triggert. Plötzlich soll Dankbarkeit auf Kommando stattfinden. Als wäre das mit dem Gesehenwerden dann erst einmal erledigt.

Was mich am Muttertag nervt

Das schreibe ich aus meiner Perspektive, nicht als allgemeine Wahrheit. Vielleicht erlebt ihr diesen Tag ganz anders. Wer Blumen liebt, sich über Frühstück im Bett freut oder das gebastelte Herz wirklich gern an den Kühlschrank hängt: wunderbar. Mich stört das Rollenbild, das in diesem Ritual so bequem mitreisen kann.

Wenn Care-Arbeit im Alltag an einer Person hängen bleibt, macht der Blumenstrauß am Sonntag die Verteilung nicht gerechter. Wer denkt an Termine? Wer merkt, dass die Zahnpasta leer ist? Wer weiß, welches Kind gerade welche Sorgen mit sich herumschleppt? Solche Kleinigkeiten – und es sind erstaunlich viele – sagen mir mehr über Wertschätzung als ein Pflichtstrauß.

Wenn ihr diese Zuständigkeitsfragen aus eurem Alltag kennt, findet ihr dazu auch unseren Beitrag über Partnerschaft mit Kindern, Arbeit und Haushalt.

Der Blumenstrauß findet übrigens doch noch zu mir. Bei der Hunderunde ließ sich etwas auftreiben, dazu ein paar Stängel tränendes Herz aus dem Garten. In einer Vase auf dem Tisch bekommen sie ihren Platz.

Ich bestehe darauf, heute mit allen ganz ordentlich zu frühstücken. Mein Mann rümpft etwas die Nase. Immerhin würde es viel schneller gehen, würde ich den Kindern einfach wie immer ihren Frühstücksporridge kochen.

Da sitzen wir also als Familie und „genießen“ Brötchen. Meine beiden Töchter treten sich unter dem Tisch. Der Jüngste neben mir kleckert so mit seinem Joghurtlöffel, dass ich mich jetzt doch für die Kittelschürze entscheiden würde. Mein Mann rülpst, ohne es mitzubekommen, und gefühlt reden alle durcheinander. Die Blumenstängel in der Vase biegen sich traurig nach unten. Alle. Auch das tränende Herz. Ach, wäre ich damals nur mit dem sexy Kindergärtner durchgebrannt! Ich bin mir sicher, dass ich mich heute nicht über Chaos oder Undankbarkeit ärgern würde … Ein tränendes Herz als Muttertagsblume, ist das nicht eher was für Beerdigungen? Zusammen mit Maiglöckchen, weil die so nach altem Frauenparfüm riechen?

Blumenstrauß zum Muttertag

Tränendes Herz – passt prima zum Muttertag! 😀

Nicht die Kinder sind das Problem

Meine Kinder machen an diesem Tag nichts grundsätzlich anderes als sonst. Sie spielen, kleckern, streiten, schenken, vergessen, freuen sich, nerven und lieben gleichzeitig. Kinder eben.

Wenn sie mir ein Lesezeichen oder ein Herz schenken, kommt das von ihnen. Dafür brauche ich keinen Feiertag. Schräg wird es für mich erst, wenn Erwachsene daraus ein Pflichtprogramm machen: Heute basteln wir für Mama, heute sagen wir Danke, heute soll Mama gerührt sein.

Kinder dürfen Zuneigung doch auch dann zeigen, wenn kein Kalenderblatt es verlangt. Und sie dürfen an so einem Tag genauso quengeln, streiten oder das Geschenk vergessen, ohne dass daraus gleich eine Lektion über Dankbarkeit werden muss. Wenn ihr euch dafür interessiert, wie wir solche Erwartungen an Kinder grundsätzlich sehen, findet ihr dazu unseren Beitrag über beziehungsorientierte Elternschaft.

Aber ach was, bei uns ist eben nicht immer alles perfekt. Und schon schmunzle ich wieder. Morgen, wenn wieder alles normal ist, lache ich auch wieder laut. Und ich erfreue mich an meinen Kindern, die wunderbar miteinander spielen, sich ergänzen, streiten und vertragen lernen, mir helfen und zeigen, wie lieb sie mich haben. Ganz ohne Feiertag.

Solange sinniere ich besser nicht sehnsüchtig darüber, wann sich Haushalt und Geschwisterstreit von selbst erledigen.

Allen, die den Muttertag mögen: einen schönen Muttertag! ;-P Ich selbst würde ihn trotzdem gern aus dem Kalender streichen.

Eure Evelin

CC BY-SA 4.0 Muttertag abschaffen! Gedanken zum blöden Ehrentag von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.