Lesezeit: 10 Minuten

hochsensibles Kleinkind im Familienalltag

Das Video über hochsensible Kleinkinder findet ihr hier.

Aktualisiert am 09.08.2026

Im ersten halben Jahr mit unserer Tochter entwickelten wir ein verlässliches Gespür für ihr unbedarftes, junges Wesen. Wir Eltern wissen, was dem kleinen Erdenbürger wohltut und spüren, wenn ihn etwas beunruhigt. Jedoch ist es nicht immer so.

Wut, Zorn und Raserei

Die ersten extremen Wutanfälle unsres Kindes waren kaum zu ertragen. Uns Eltern hilft es, gelassen zu bleiben, um die Situation zu bedenken oder Termine abzusagen.

Mit der Krabbelzeit begann ebenso die „Meckerzeit“. Manchmal fiel es uns extrem schwer, das nörgelige Geschrei unserer Großen zu deuten. Sie wirkte rasch unzufrieden, sobald sie den Topf auf dem Schrank nicht erreichte, der Deckel nicht auf die Dose passte oder ihr nicht eingeräumt wurde, Papas Brille zu verbiegen.

Derartige Zwischenfälle wiederholten sich mehrmals täglich, zumindest innerhalb der eigenen vier Wände. Wir ertrugen es nur mit Mühe, unser aufgebrachtes Kleinkind den gesamten Tag umherzutragen, zu trösten, zu besänftigen, zu beschäftigen und hierdurch alle anderen Verpflichtungen zu vernachlässigen.

Lange vor der Autonomiephase, die kinderfeindlich als „Trotzphase“ zwischen dem 2. und dem 4. Lebensjahr bezeichnet wird, traten die ersten Wutanfälle unserer Großen auf. Bei unserer Tochter wirkten sie extrem und waren begleitet von ausdauerndem, schrillem Schreien. Selbst uns als feinfühligen Eltern erschloss sich der Grund ihrer Verärgerung oftmals nicht.

Nachdem jeglicher Beruhigungsversuch scheiterte, schlief unsere Tochter bei ihrem ersten, dreißigminütigen Wutanfall vor Erschöpfung ein. In solchen Situationen wollten wir vor allem ruhig und ansprechbar bleiben. Unsere Tochter sollte erleben, dass wir für sie da sind, wann immer sie uns braucht. Wir wollten ihr „Fels in der Brandung“ sein.

Fahren im Auto

Um dem Alltagstrott zu entfliehen, besuchte ich mit meiner Tochter wöchentlich einen Kleinkindtreff. Die zehn- bis zwanzigminütige Autofahrt wurde zu einer Tortur, wenn ich nicht jede Kurve, jeden Berg, jedes Hupen, Beschleunigen, Abbremsen, Warten, Weiterfahren, Überholen und Klappern kommentierte. Ich erinnerte mich an eine Mutter, deren begleitenden, erklärenden Kommentare ihrem autistischen Kind beim Autofahren enorm halfen, solange die Reihenfolge bei jeder Fahrt akribisch beibehalten wurde.

Auf die Unterschiede hochsensibler und autistischer Menschen komme ich weiter unten zu sprechen.

Das Liegen in der Babyschale strengte mein acht Monde altes Kind oft so sehr an, dass es im Krabbeltreff an meiner Brust einschlief. Nach vorn gerichtete Kindersitze zogen wir, dank unsres Sicherheitsbedürfnisses, für uns nicht in Betracht.

Als unsere Tochter ihr erstes Lebensjahr vollendete, kauften wir einen Reborder, der ihre Fahrfreude jedoch nicht steigern wollte. Für unsere Kleine kauften wir den Britax Hi-Way 2 direkt in Schweden und finden ihn klasse.

Wenn unser Kleinkind biss

Hochsensible Kinder können introvertiertes aber auch extrovertiertes Verhalten zeigen. Mein Kleinkind zeigte beides: sowohl ausgeprägtes, aufmerksames Nachdenken, gepaart mit intensiver Beobachtung des Geschehens. Nach dem zweiten Geburtstag wurde sie zunehmend extrovertierter.

Im Krabbeltreff lernte mein Kind zwar andere Dinge und Räume als bei uns zu Hause kennen, doch brachten sie manche Situationen aus der Fassung. Wurde ein Turm gebaut, war das okay. Stürzte jemand ihn um, brachte sie das aus der Fassung. Sowohl in jüngeren als auch in älteren Kindern fand mein Töchterchen harmonische Spielgefährten. Der Kontakt mit Gleichaltrigen gelang hingegen nur bedingt: Meine Tochter biss aus scheinbar heiterem Himmel zu. Auch wenn wir andere Kinder besuchten, biss meine Einjährige – unabhängig davon, ob das besuchte Kind zuvor an den langen Haaren meiner Tochter zog oder „zu viel“ Spielzeug besaß.

Ihr seid nicht allein

Es überkam mich das beklemmende Gefühl, eine doofe Mutter mit einem unberechenbaren Balg zu sein. Dass es anderen mir sympathischen Mamas ähnlich erging, beruhigte mich. Von Bloggerinnen, befreundeten Psychologinnen und Hebammen zu hören, dass sie ebenso ein bissiges oder hochsensibles Kleinkind haben, tat gut. Lara Horlacher gibt zum Beispiel preis, dass ihre erste Tochter vom Tragetuch aus versuchte, andere Menschen derb zu kneifen.

Um mich nicht als „doofe“ Mutter zu fühlen und darzustellen, half es, mit meinen Freundinnen, also i.d.R. mit den „betreffenden“ Müttern, darüber zu sprechen, wie sie an meiner Stelle reagieren würden.

Es hilft dem zwischenmenschlichen Zusammenleben nicht, wenn ich mich mit meinem Kind zuhause verschanze. Eine Auszeit (damit meine ich nicht jene hirnrissige „Erziehungsmethode“), mehr Ruhe und weniger Unternehmungen halfen unserem hochsensiblen Kleinkind, Stress zu minimieren.

Apropos: Wenn wir unsere Verabredungen nach draußen verlegten, biss unsere Tochter andere Kinder nicht.

Die Energien lenken

Zeitweise reichte ich meiner immer sprachgewandteren Tochter einen beliebigen Gegenstand (z. B. ein Plüschtier oder eine Puppe), in den sie ihre Wut ableiten konnte.

Allerdings musste ich mich vor Nachbarn hüten, die Mitleid mit der heruntergeworfenen Puppe empfanden.

Wenn Erwachsene in Wut ein Kissen durch den Wohnraum katapultieren, nehmen wir das oft hin. Wenn ein Kind genauso reagiert, wird daraus schnell ein Drama. Ich bin überzeugt, dass Kindern keine „kleinkindhafte Blödheit“ unterstellt werden darf! Bei unserer Tochter war ich überzeugt, dass sie wusste, dass das Püppchen – stellvertretend für sämtliches Spielzeug – keinerlei Schmerz empfindet.

Kinder haben unglaubliche Detektoren für Hintergedanken. Sie sind loyal, nicht naiv. Wenn sie tun, als ob sie unsere Lügen glaubten, dann nur aus Loyalität. – André Stern

Eine andere Meinung vertrat die Sozialpädagogin, die den Kleinkindtreff betreute; Eine Frau, die sich damit rühmte, an der Fachhochschule Jena studiert zu haben. Nachdem meine Anderthalbjährige einen Teddy haute, hielt die Sozialpädagogin ihr eine Moralpredigt. Darüber hinaus konnte sie mir beim Thema „Hochsensibilität“ nicht weiterhelfen. Als ich sie auf meine Vermutung ansprach, beteuerte sie, davon noch nie gehört zu haben.

Nach dem Vorfall mit dem Teddy verdeutlichte mir meine Tochter, dass sie – genau wie ich – keine Lust mehr auf diese Art gelenktes Spiel hatte.

Hilfe in der Not

Wenn ihr mit eurem Kleinkind nicht mehr weiterwisst, könnt ihr euch Hilfe in Schreiambulanzen oder bei den Frühen Hilfen suchen. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) richtet die Frühen Hilfen an Familien mit Kindern von null bis drei Jahren und bietet eine bundesweite Suche nach Anlaufstellen an. Für Familien, deren Baby viel schreit, gibt es außerdem eine eigene Suche nach Schreiambulanzen.[1]

Das NZFH beschreibt Schreiambulanzen als spezialisierte Anlaufstellen für Familien mit viel schreienden Babys. Wie die Beratung vor Ort aufgebaut ist und welche Berufsgruppen beteiligt sind, unterscheidet sich je nach Einrichtung.[2]

Oder ist es Autismus?

Auf YouTube wurden wir gefragt, welche Unterschiede zwischen hochsensiblen und autistischen Menschen bestehen.

Da ich in meiner Arbeit als Erzieherin mit autistischen Kindern arbeitete, bereiteten mir die Wutanfälle meiner Tochter anfangs große Sorgen.

In der Forschung heißt ein Teil dessen, was im Alltag „Hochsensibilität“ genannt wird, Sensory Processing Sensitivity (SPS). Elaine und Arthur Aron beschrieben 1997 ein Sensitivitätsmerkmal, das sich teilweise von sozialer Introversion und Emotionalität unterscheiden ließ. Corina Greven und Kolleg:innen ordneten SPS 2019 als Merkmal ein, bei dem Menschen unterschiedlich empfindlich auf negative und positive Umwelteinflüsse reagieren. Zugleich sahen sie noch deutliche Lücken im Forschungsstand.[3][4]

Für unsere damalige Situation hilft auch die Highly Sensitive Child Scale nur begrenzt weiter. Michael Pluess und Kolleg:innen entwickelten sie als Selbstbericht für Kinder und Jugendliche; die untersuchten Gruppen waren 8 bis 19 Jahre alt. Unsere Tochter war damals deutlich jünger.[5]

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Autismus als vielfältige Gruppe von Bedingungen im Zusammenhang mit der Entwicklung des Gehirns. Dazu können Besonderheiten in sozialer Interaktion und Kommunikation gehören, Schwierigkeiten bei Übergängen, ein starker Fokus auf Details und ungewöhnliche Reaktionen auf Sinneseindrücke. Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe unterscheiden sich stark von Mensch zu Mensch.[6]

So einfach, wie ich mir die Trennung damals gewünscht hätte, ist sie also nicht. Nähe, Kontaktfreude oder Gesprächigkeit ziehen keine saubere Grenze zwischen SPS und Autismus. Dasselbe gilt für einzelne Beobachtungen wie heftige Wut, Rückzug oder starke Reaktionen auf Reize. Wenn euch die Entwicklung eures Kindes Sorgen macht oder der Alltag dauerhaft sehr belastend wird, kann eine fachliche Abklärung helfen, die Beobachtungen im Zusammenhang zu betrachten.

Ausblick

Wie unser Leben mit einem hochsensiblen Kind im Alter von 3-6 Jahren aussieht und wie sich die Betreuung hochsensibler Kindergartenkinder gestaltet, erfahrt ihr in einem der nächsten Artikel.

Weiterlesen bei uns

FAQ: Hochsensibles Kleinkind

Woran merke ich, ob mein Kleinkind hochsensibel ist?

Die Forschung gibt uns für Kleinkinder darauf keine einfache Antwort. Die Highly Sensitive Child Scale wurde in der ursprünglichen Untersuchung mit 8- bis 19-Jährigen geprüft.[5] Für uns blieb deshalb vor allem der Alltag: Welche Situationen brachten unsere Tochter aus der Fassung, was fiel ihr leicht und was half ihr wieder zur Ruhe?

Sind heftige Wutanfälle ein Zeichen für Hochsensibilität?

Aus heftigen Wutanfällen allein lässt sich das nicht ableiten. Van den Akker, Hoffenaar und Overbeek untersuchten anhand von Elternberichten zu 861 Kindern im Alter von ein bis fünf Jahren Häufigkeit, Dauer und Verhalten während der Wutanfälle.[7] Bei unserer Tochter gehörten die Wutanfälle zu dem Muster, das wir damals als Hochsensibilität verstanden.

Warum war Autofahren für unsere Tochter so schwierig?

Das wissen wir bis heute nicht sicher. Wir beobachteten nur sehr deutlich, dass ihr meine begleitenden Kommentare halfen und dass die kurzen Fahrten sie stark anstrengten. Mehr Ursache lässt sich aus unserer Familienerfahrung nicht ableiten.

Unser Kleinkind beißt andere Kinder. Bedeutet das Hochsensibilität?

Bei unserer Tochter kam beides zusammen. Daraus folgt kein allgemeiner Zusammenhang. Für uns half es, die Situationen genauer anzusehen: drinnen oder draußen, Gleichaltrige oder ältere Kinder, viel Trubel oder mehr Raum.

Wann kann Unterstützung sinnvoll sein?

Wenn euer Familienalltag durch Schreien oder andere Belastungen kaum noch tragbar wird, bieten die Frühen Hilfen und spezialisierte Schreiambulanzen Anlaufstellen für Familien mit kleinen Kindern. Das NZFH bündelt entsprechende Angebote und Suchmöglichkeiten für Deutschland.[1][2]

Hochsensibilität oder Autismus: Wie lässt sich das unterscheiden?

SPS und Autismus bezeichnen unterschiedliche Dinge: SPS wird in der Forschung als Sensitivitätsmerkmal untersucht, Autismus als diagnostische Kategorie mit großer Bandbreite. Einzelne Ähnlichkeiten im Alltag reichen für eine Unterscheidung nicht aus. Bei anhaltender Sorge kann eine fachliche Abklärung die gesamte Entwicklung und Lebenssituation des Kindes einbeziehen.[4][6]

Quellen und Einordnung

  1. Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH): Suche Frühe Hilfen in Ihrer Nähe sowie Suche Schreiambulanzen, ohne Datumsangabe, abgerufen am 09.08.2026.
  2. Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH): Was passiert in einer Schreiambulanz?, ohne Datumsangabe, abgerufen am 09.08.2026.
  3. Aron, E. N. & Aron, A. (1997): Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368. DOI: 10.1037/0022-3514.73.2.345. Verwendete Fundstelle: S. 345, Abstract.
  4. Greven, C. U. et al. (2019): Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2019.01.009. Verwendete Fundstelle: Abstract.
  5. Pluess, M. et al. (2018): Environmental Sensitivity in Children: Development of the Highly Sensitive Child Scale and Identification of Sensitivity Groups. Developmental Psychology, 54(1), 51–70. DOI: 10.1037/dev0000406. Verwendete Fundstelle: Abstract sowie Abschnitt zu den fünf Studien; vier britische Stichproben, Alter 8–19 Jahre, N = 3.581.
  6. World Health Organization (WHO), 17.09.2025: Autism. Verwendete Fundstelle: „Key facts“, „Overview“ und „Assessment and care“.
  7. Van den Akker, A. L., Hoffenaar, P. & Overbeek, G. (2022): Temper Tantrums in Toddlers and Preschoolers: Longitudinal Associations with Adjustment Problems. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 43(7), 409–417. DOI: 10.1097/DBP.0000000000001071. Verwendete Fundstelle: S. 409–410, Abstract und „This Study“; Elternberichte zu 861 Kindern im Alter von ein bis fünf Jahren.

CC BY-SA 4.0 Unser Leben mit einem hochsensiblen Kleinkind von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.