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Aktualisiert am 11. August 2026

Kurz gesagt: Ich lehne Ausmalbilder weiterhin als Standardbeschäftigung für Kinder ab. Mir ist ein leeres Blatt lieber, weil das Kind dort Motiv, Linien, Formen und Bedeutung selbst bestimmt. Das ist meine pädagogische Haltung. Für die frühere Behauptung, Malvorlagen würden langfristig die Kreativität eines Kindes schädigen, habe ich dagegen keinen belastbaren Nachweis gefunden. Beides gehört für mich sauber auseinander.
Ausmalbilder machen es Erwachsenen ziemlich leicht. Das Motiv steht fest, die Linien sind da, das Kind darf noch entscheiden, welche Farbe wohin kommt. Fertig.
Genau deshalb mag ich sie bis heute nicht besonders.
Gebt einem Kind dagegen ein leeres Blatt, passiert etwas völlig anderes. Vielleicht entstehen drei Kringel. Vielleicht ein Dino. Vielleicht eine Geburt. Vielleicht ein Mensch mit vier Beinen. Das Kind entscheidet selbst, was auf diesem Blatt überhaupt existiert.
Als ich diesen Beitrag 2019 zum ersten Mal schrieb, war meine Kritik noch schärfer. Ich war überzeugt, dass Malbücher die kindliche Kreativität beschneiden und Kinder an vorgefertigte Bilder gewöhnen. Den behaupteten langfristigen Kreativitätsschaden kann ich nach meiner heutigen Recherche so nicht mehr vertreten. Meine Ablehnung von Ausmalbildern ist trotzdem geblieben. Sie beruht heute klarer auf einer Haltung: Ich möchte jungen Menschen möglichst viel Raum für ihre eigenen Bilder lassen.
Ausmalbilder oder freies Malen: Wer entscheidet über das Bild?
Ein Ausmalbild legt mindestens das Motiv und seine Konturen fest. Beim freien Malen liegen auch diese Entscheidungen beim Kind. Das klingt erst einmal banal. Für mich ist genau dieser Unterschied entscheidend.
Ich frage mich noch immer: Wer sind wir Erwachsenen, dass wir meinen, Kinder bräuchten Vorlagen für ihre Bilder?
Mit „eigener Bildsprache“ meine ich persönliche Zeichen, Formen und Erzählweisen. Susan Wright beschrieb 2007, wie junge Kinder Zeichnen mit Erzählen, Gesten, Lauten und grafischen Zeichen verbinden. Jo Deguara und Cathy Nutbrown begleiteten für eine Fallstudie 2018 ein vierjähriges Mädchen über vier Monate. Ihre Arbeit zeigt, welche Bedeutung die Erzählungen des Kindes bekommen, wenn Erwachsene verstehen möchten, was seine Zeichnungen für es bedeuten.12
Das ist für mich der spannende Blick auf Kinderbilder. Erwachsene sehen einen Kreis, drei Striche und einen roten Fleck. Das Kind sieht vielleicht eine ganze Geschichte.
Und diese Geschichte interessiert mich mehr als eine sauber grün ausgemalte Wiese zwischen zwei vorgedruckten Linien.
Machen Ausmalbilder Kinder unkreativ?
Hier muss ich meine ursprüngliche Fassung korrigieren. 2019 schrieb ich sinngemäß so, als sei der Schaden wissenschaftlich geklärt. Das war zu sicher formuliert.
Die ältere kunstpädagogische Kritik an Malbüchern wird häufig mit Viktor Lowenfeld verbunden. Irvin L. King untersuchte 1991 Studien, die Lowenfeld und anderen zugeschrieben wurden. Im Abstract stellt King der Schadensbehauptung eine andere mögliche Sicht gegenüber: Malbücher könnten auch als Lehrmittel dienen. Er fordert weitere Forschung.3
Für einen langfristigen Kreativitätsverlust durch Ausmalbilder fehlt mir nach dem direkt geprüften Quellenstand ein belastbarer Nachweis. Diese offene Forschungsfrage entscheidet aber nicht darüber, was ich Kindern lieber anbieten möchte.
Meine Entscheidung ist ziemlich einfach: Wenn ich zwischen einem Stapel vorgedruckter Häschen und einem Stapel leerer Blätter wählen soll, nehme ich die leeren Blätter.
Und jetzt die Mistgabeln
Bevor die Mistgabeln und Hacken gegen mich erhoben werden: Kinder dürfen Ausmalbilder natürlich mögen.
Bei uns gab es zum Beispiel Mandala-Ausmalbilder von einer geliebten Yoga-Lehrerin. Eines davon bekam später eine völlig neue Aufgabe.

Mandala-Ausmalbilder von der geliebten Yoga-Lehrerin – der neue Puppenhausteppich
Genau solche Momente mag ich. Das Blatt bekommt plötzlich eine andere Aufgabe als die von Erwachsenen vorgesehene. Aus dem Ausmalbild wird ein Teppich.
Fertig.
Wenn ein Kind selbst nach einem Ausmalbild fragt, interessiert mich sein Wunsch. Meine Kritik richtet sich an die erwachsene Gewohnheit, Kindern immer wieder fertige Motive, Schablonen und Beschäftigungsblätter hinzulegen, obwohl ein leeres Blatt viel mehr Entscheidungen offenlässt.
Aus dieser Haltung mache ich keinen Test für gute Eltern. Ihr müsst meine Abneigung gegen Malvorlagen auch nicht teilen. Ich möchte nur sauber benennen, weshalb ich selbst freie Materialien bevorzuge.

Beschäftigungsbilder: Aus Langeweile? Zur Beschäftigung? Damit man etwas zu loben hat? Weil das Kind gerade Freude daran hat?
Warum mich vorgefertigte „Kinderwelten“ stören
Meine Kritik an Ausmalbildern hängt für mich mit etwas Größerem zusammen. Erwachsene erfinden erstaunlich oft eine besondere Welt für junge Menschen und entscheiden dabei gleich mit, was angeblich kindgerecht aussieht, klingt und schmeckt.
Da gibt es die künstlich hohe Erwachsenenstimme. Grelle Kleidung mit aufgenähten Ohren. Dudelndes Spielzeug. Bunt verpackte Süßigkeiten. Und eben Bilderwelten, in denen ein Auto Augen braucht, ein Pferd rosa glitzert und Mädchenkörper erstaunlich zuverlässig denselben Proportionen folgen.
Mich stört daran die Selbstverständlichkeit, mit der Erwachsene diese Auswahl für Kinder treffen.
Ein Kind kann Elsa lieben. Ein anderes möchte ausschließlich Autos malen. Ein drittes zeichnet wochenlang dieselben Fantasietiere. Wunderbar. Dann kommt das Motiv vom Kind.
Bei einem Ausmalheft hat jemand anders den ersten und größten Teil der gestalterischen Entscheidung bereits getroffen.
2019 ging ich noch weiter und behauptete, Kinder würden durch solche Vorlagen zu unkritischen Konsument:innen. Diese Behauptung war spekulativ. Heute würde ich die Frage anders stellen: Welche Bilder wählt das Kind selbst, welche liefern Erwachsene oder Unternehmen – und was liegt daneben noch zur freien Verfügung?
Dazu passen auch unsere Beiträge über Spielzeug für Kinder und die Frage, was „pädagogisch wertvolles Spielzeug“ eigentlich wertvoll machen soll. Bei allen drei Themen interessiert mich, wie schnell Erwachsene ihre Vorstellung vom passenden Kinderprodukt mit den Interessen eines jungen Menschen verwechseln.
Kinderzeichnungen erzählen ihre eigenen Geschichten
Die Bilder unserer Kinder mochte ich immer besonders dann, wenn sie mir ihre Bedeutung dazu erzählten. Bei manchen hätte ich anhand der Linien kaum erraten können, was dort passiert.
Gerade das macht sie schön.

„Die Elsa auf dem Stuhl im Zimmer will nicht mehr rausgehen“

Bunt für bunt – das macht Spaß

Eines von vielen Geburtsbildern

Dinos, die sich beißen

Wunschzettel – „eine Puppe für meinen Bruder, ein Rock, eine Krone und eine Blume“

Eis für die ganze Familie

Vogel und Handyelsa. Wenn ihr wissen möchtet, was in einer Kinderzeichnung passiert, könnt ihr euch die Geschichte dazu erzählen lassen.
Deguara und Nutbrown kommen in ihrer Fallstudie ebenfalls zu dem Schluss, dass Erwachsene die Bedeutung einer Kinderzeichnung besser erschließen können, wenn sie dem Kind während des Zeichnens und Erzählens zuhören.2
Das gefällt mir auch als Haltung. Ich muss einem Bild nicht erst erklären, was es sein soll. Ich kann den Menschen fragen, der es gemalt hat.
Ausmalbilder, Schablonen und Kunsterziehung
Auch meine frühere Kritik an Kindergärten und Schulen war stellenweise zu pauschal. Aus einzelnen Schablonen, Bastelangeboten oder Farbübungen lässt sich kein Kreativitätsverlust ableiten.
Trotzdem finde ich die Frage weiterhin berechtigt: Wie viel Raum bekommen junge Menschen dort für eigene Gestaltung?
Bei einer vorgegebenen Form übt ein Kind eine andere Tätigkeit als auf einem leeren Blatt. Eine Schablone kann zu einer bestimmten Aufgabe passen. Ein Ausmalbild kann Spaß machen. Beim freien Malen kommen Entscheidungen hinzu, die Erwachsene bei einer Vorlage bereits getroffen haben: Was entsteht? Wo beginnt eine Form? Wo endet sie? Welche Zeichen braucht dieses Bild überhaupt?
Ich persönlich möchte deshalb, dass offene Angebote viel Raum bekommen.
Auch Bewertungen von Kinderkunst sehe ich weiterhin kritisch. Wenn ich ein Bild sofort mit „Das hast du aber schön gemalt“ bewerte, rückt mein Urteil sehr schnell in den Mittelpunkt. Ich finde es spannender zu erfahren, was das Kind selbst über sein Bild erzählen möchte. Vielleicht zeigt es mir etwas. Vielleicht nennt es einen Namen. Vielleicht hängt es das Bild auf. Vielleicht rennt es längst zum nächsten Blatt.
Das ist unsere Haltung. Eine allgemeine psychologische Wirkung behaupte ich daraus nicht.
Wer sich für selbstbestimmtes Lernen interessiert, findet dazu mehr in unserem Beitrag Auch du bist Freilerner.
Warum ich Ausmalbilder weiterhin ablehne
Meine Position hat sich seit 2019 also verändert – und gleichzeitig weniger verändert, als es auf den ersten Blick scheint.
Die wissenschaftliche Begründung ist enger geworden. Ich behaupte heute keinen nachgewiesenen schleichenden Kreativitätsverlust mehr. Ebenso habe ich die alte Verbindung zwischen Malheften und späterer unkritischer Konsumhaltung gestrichen.
Meine pädagogische Vorliebe ist dieselbe geblieben: Ich finde freie Bilder wertvoller als vorgefertigte.
Bei uns bekommen deshalb Papier, Stifte, Farben, Karton und andere frei verfügbare Materialien mehr Raum. Ich würde einem Kind kein Ausmalbild aus der Hand nehmen, das es selbst haben möchte. Von mir aus würde ich ihm zuerst ein leeres Blatt hinlegen.
Dort steht noch kein Hase.
Dort muss kein Himmel blau sein. Niemand hat entschieden, wie viele Beine das Huhn bekommt oder wo die Linie verläuft, innerhalb derer die Farbe zu bleiben hat.
Da ist erst einmal nur Platz.
Und dann macht ein Kind etwas daraus.
BuNtgEkLecKstE Grüße
Eure Evelin
Warum das Huhn vier Beine hat – das Geheimnis der kindlichen Bildsprache
Die Buchempfehlung aus der ursprünglichen Fassung möchte ich behalten. Knut Philipps beschäftigt sich in Warum das Huhn vier Beine hat mit Kinderzeichnungen und ihrer eigenen Darstellungslogik.
Das Buch ist kunstpädagogische Literatur. Es liefert keinen aktuellen Wirkungsnachweis zu Ausmalbildern. Für alle, die genauer hinschauen möchten, wie Kinder ihre erlebte Welt in eigene Bildzeichen übersetzen, passt es trotzdem sehr schön zum Thema.
Warum das Huhn vier Beine hat: Das Geheimnis der kindlichen Bildsprache*
Häufige Fragen zu Ausmalbildern für Kinder
Sind Ausmalbilder schlecht für die Kreativität?
Für einen pauschalen langfristigen Kreativitätsschaden habe ich im direkt geprüften Quellenstand keinen belastbaren Nachweis gefunden. King stellte die ältere Schadensbehauptung bereits 1991 zur Diskussion und forderte weitere Forschung.3 Meine persönliche Ablehnung von Ausmalbildern beruht deshalb auf einer pädagogischen Gewichtung: Ich bevorzuge Tätigkeiten, bei denen Kinder möglichst viele gestalterische Entscheidungen selbst treffen können.
Was bietet freies Malen zusätzlich?
Beim freien Malen sind auch Motiv und Konturen offen. Das Kind entscheidet, was es darstellen möchte und welche Formen, Zeichen und Farben dazu gehören. Eine Malvorlage hat zumindest Motiv und Umrisse bereits vorgegeben. Dieser Unterschied beschreibt zunächst die beiden Tätigkeiten. Langfristige Entwicklungswirkungen lassen sich daraus allein nicht ableiten.
Sollten Eltern Ausmalbilder verbannen?
Ich lehne Ausmalbilder für unseren Alltag als bevorzugte Beschäftigung ab. Ein Verbot gegenüber einem Kind, das selbst Freude an einer bestimmten Malvorlage hat, folgt daraus für mich nicht. Interessanter finde ich die Auswahl, die Erwachsene überhaupt zur Verfügung stellen: Liegen neben dem Malbuch auch leeres Papier, Farben und andere offene Materialien?
Warum können Kinderzeichnungen so ungewöhnlich aussehen?
Kinder müssen die sichtbare Welt in ihren Zeichnungen nicht naturgetreu kopieren. Die von Wright sowie Deguara und Nutbrown untersuchten Kinder verbanden Zeichnungen mit Zeichen, Erzählungen, Gesten und persönlichen Bedeutungen.12 Wer ein Bild verstehen möchte, kann deshalb die Perspektive des Kindes einbeziehen und sich erzählen lassen, was darin passiert.
Quellen
- Susan Wright (2007): Young Children’s Meaning-Making through Drawing and “Telling”: Analogies to Filmic Textual Features. Australasian Journal of Early Childhood, 32(4), 37–48. DOI: 10.1177/183693910703200408. Tragende Stelle: Abstract; Wright beschreibt die Verbindung von Zeichnen, Erzählen, Gesten und grafischer Darstellung.
- Jo Deguara & Cathy Nutbrown (2018): Signs, Symbols and Schemas: Understanding Meaning in a Child’s Drawings. International Journal of Early Years Education, 26(1), 4–23. Tragende Stelle: von den Autorinnen bereitgestelltes Abstract im ERIC-Datensatz; viermonatige Fallstudie eines vierjährigen Mädchens und Bedeutung des Zuhörens während des Zeichnens.
- Irvin L. King (1991): In Search of Lowenfeld’s Proof That Coloring Books Are Harmful to Children. Studies in Art Education, 33(1), 36–42. Tragende Stelle: ERIC-Abstract; King prüft die Lowenfeld zugeschriebene Schadensbehauptung, formuliert eine alternative Hypothese und fordert weitere Forschung.
Ausmalbilder für Kinder: Warum freies Malen oft mehr kann von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
die Lieblingsmalseite meiner Tochter ist (kommerzieller Link entfernt) Deine Malideen sind auch toll.
Hm, da scheint ihr wohl zur Gruppe der Ausmalbefürworter zu gehören. 😉 Malideen habe ich eigentlich nicht. Die kommen bei den Kindern von selbst. Liebe Grüße 🙂
Hi Evelin,
Habe das Thema in der Kita angesprochen und würde nun entsprechend Litertaur oder wissenschaftliche Artikel weiterleiten. Hast du da einen Tipp für mich? Ich finde Ausmalbilder auch alles andere als toll…
Liebe Nadine,
ich empfehle das im Artikel angepriesene Buch. Es richtet sich an Leute vom Fach, Laien verstehen es aber auch.
Wissenschaftliche Arbeiten zum Thema „Ausmalen“ sind im Netz bislang nur dünn gesäht. Vielleicht hat man auf englischsprachigen Seiten mehr Glück.
Nicht so direkt, aber ähnlich, wird das kindliche Malen auch in den Büchern von André Stern und Arno Stern betrachtet.
Ich hoffe, du stößt nicht auf taube Ohren. Viel Erfolg und herzlichen Dank für deinen Einsatz! Evelin
Genau danach suche ich auch. Wie wirkt sich freies malen aus vs. ständig Ausmalbilder- auch auf die Kommunikation untereinander über Ein-und Ausdrücke… vielleicht wird es ja meine Bachelor-Arbeit