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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026
Liebe Eltern, Pädagog:innen und ähnliche „Großzieher“,
vor einem Jahr lebten wir mit unseren vier Kindern für zwei Monate in Rumänien. Wir fühlten uns wohl in „unserer“ kleinen Siedlung mit den lieben Nachbarn um uns herum. Doch auch bei ihnen war das Thema Krieg angekommen.
Im Nachbarland Ukraine herrschte Krieg. Trümmerlandschaften, Soldaten und politisches Geschwätz drangen aus den Nachrichten in jedes „moderne“ Geschäft. Es dauerte nicht lange, bis sich herumsprach, dass eine Ukrainerin mit vier kleinen Kindern im Dorf leben würde. Gemeint war ich. Wegen der Sprachbarriere dauerte es erstaunlich lange, dieses Gerücht aus der Welt zu schaffen.
Die nächsten Nachbarn wussten anhand unseres Autokennzeichens natürlich, dass wir keine Flüchtlinge waren. Trotzdem beschenkten auch sie uns reichlich mit Lebensmitteln und zeigten große Herzlichkeit. Aus den umliegenden Orten kamen immer wieder Spenden für uns, die vermeintliche Flüchtlingsfamilie: Süßigkeiten, Kinderkleidung, Kinderschuhe und viele Spielsachen. Vieles konnten wir gebrauchen. Vieles gaben wir an Klöster, Obdachlose und andere Familien weiter.
Unter dem gespendeten Spielzeug lag manches, bei dem ich schlucken musste. Ostheimerfiguren und Waldorfpuppen hatte ich in den Säcken selbstverständlich nicht erwartet. Überrascht war ich trotzdem: Panzermodelle, Soldatenfiguren, Abwehrzäune und jede Menge Pistolen. Wie diese Mitbringsel in einer echten Flüchtlingsfamilie angekommen wären, will ich hier nicht diskutieren. Kriegsspielzeug fand ich jedenfalls schon immer fragwürdig.
Seitdem lande ich immer wieder bei derselben Frage: Dürfen Kinder mit Kriegsspielzeug oder Spielzeugwaffen spielen? Ich würde Pistolen, Panzer und Soldatenfiguren nicht von mir aus kaufen. Tauchen sie trotzdem auf, schaue ich zuerst auf das Spiel: Haben die Kinder Freude? Will jemand nicht mehr mitmachen? Bekommt jemand Angst? Werden Grenzen verletzt?

Vier Erfahrungen, die meinen Blick geprägt haben
Krieg spielen im DDR-Kindergarten
Eine ehemalige Kindergärtnerin erzählte mir vor vielen Jahren, dass das Spielzeug in ihrer Einrichtung das Leben in der DDR widerspiegelte. Unter anderem gab es Spielzeugsoldaten mit Gewehren und Panzer. In die Kriegsspiele der Kinder konnte man viel hineininterpretieren: Was wurde in den Familien erzählt? Was konnte man bei den Kindern noch „besser“ erziehen? Wie stand es um die Entwicklung zur sozialistischen Persönlichkeit?
Die Kindergärtnerin hasste dieses politische Spielzeug. Eines Tages beschloss sie, sich einzumischen. Sie sprach mit den Vorschulkindern darüber, dass im Krieg Familien, Freundschaften und Häuser zerstört werden – und auch Soldaten und Panzer. Dann begannen die Kinder, das Kriegsspielzeug kaputt zu machen. Seitdem widmeten sie sich wieder anderem Freispiel. Die Kindergärtnerin kam mit einer Verwarnung davon.
Düsenjets im Kindergarten mit mir als Erzieherin
Ich war 22 Jahre alt, als ich eine Gruppe von 20 Kleinkindern in einer Kita übernahm. Es war eine unglaublich schöne Arbeit, den Tag für und mit diesen fröhlichen jungen Menschen zu gestalten. Aber als Berufsanfängerin hat man es mit manchen Kolleginnen nicht leicht. Man versucht, sich dem Ton anzupassen, der in der Kita herrscht. Es war verboten, mit Legosteinen Düsenjäger zu bauen. Denn das sind Kriegswaffen.
In meiner Gruppe gab es zwei Jungen, die sehr gerne solche Militärflugzeuge bauten. Sie durchdachten ihre Konstruktionen genau, stellten sich vor, wie sie fast schwerelos durch die Luft gleiten konnten, und spielten mit Begeisterung, ohne jemandem weh zu tun.
Ich ließ die Jungs spielen. Als die Kollegin aus dem Nebenzimmer dazukam, nahm sie ihnen mit der bekannten Begründung die Jets weg. Mir fehlte der Mut zum Widerspruch, schließlich gab es schon eine andere Kollegin, die mir oft genug ihre kalten Ratschläge erteilte. Ich sah die beiden als glückliche Konstrukteure. Die Kollegin sah sie als Verbrecher.
Schüsse in der Familie
Zum Hauskreis – dem Freundeskreis innerhalb einer Kirchengemeinde – meiner Eltern gehörte eine Familie mit vier Kindern. Die Eltern, beide Akademiker, legten Wert darauf, dass die Kinder nicht mit Kriegsspielzeug spielten. Aber eine ihrer Töchter war ganz vernarrt in Schießspiele. Schuss hier, Schuss da, Spielzeugpistole hurra! Man konnte ihr sagen, was man wollte, die Begeisterung blieb.
Später führte ihr Weg ausgerechnet zur Kriminalpolizei. Das beweist natürlich nichts. Genau deshalb mag ich solche schnellen Lebenslauf-Deutungen nicht.
Pistolen bei uns
Vieles von dem Spielzeug, das wir als vermeintliche Kriegsflüchtlinge in Rumänien geschenkt bekamen, landete auf dem Müll. Ein Großteil war bereits kaputt, unvollständig oder so ramponiert, dass es unbrauchbar war. Mit den verbliebenen „heilen“ Soldaten und Panzern konnten unsere Kinder nichts anfangen. Sie blieben unbespielt.
Aber die Pistolen haben bei unseren Söhnen, die damals zwei und vier Jahre alt waren, ein Feuer entfacht. Wir hatten gerade Familienbesuch, der am liebsten sofort eingegriffen hätte. Diesmal wollte ich nichts verbieten lassen. Ich wollte erst einmal sehen, was passiert.
Die Jungs spielten ein paar Tage intensiv Schießen. Sie schossen mal lachend, mal mit grimmigem Blick. Sie zielten auf Bäume, auf imaginäre Tiere, auf ihre Schwestern und auf uns Eltern. Die Pistolen klangen zum Teil wie Maschinengewehre, aber auch wie außerirdische Töne.
Bald waren die Batterien leer. Die Begeisterung des Vierjährigen ließ nach. Er sagte entschieden, dass er eigentlich viel lieber mit Autos spiele und echtes Schießen gar nicht leiden könne. Er verschenkte die Pistolen weiter.
Dem Jüngsten gefiel das Schießspiel länger. Wir erklärten ihm, dass Pistolen, die wie echte aussehen, an Grenzübergängen Probleme bereiten können. Irgendwie verstand er das wohl, denn er konnte sich ohne Kummer von dem Spielzeug trennen. Ganz weg war die Faszination trotzdem nicht: Draußen nahm er einen Stock als Pistole, zu Hause baute er sich aus Duplosteinen ein Schießgewehr. Kriegsfilme, Nachrichten oder aggressive Zeichentrickfilme sehen wir uns nicht an. Trotzdem spielte er ab und zu „Schießen“.

Macht Kriegsspielzeug Kinder aggressiv? Was die Forschung zeigt
Ein Kind mit einer Plastikpistole in der Hand ist noch keine kleine Gefahr für die Menschheit. Aus einem Schießspiel lässt sich kein späterer Beruf, keine politische Haltung und kein verlässlicher Charakterzug ablesen.
Die Forschung dazu ist überschaubar und beantwortet unterschiedliche Fragen. Watson und Peng beobachteten 1992 insgesamt 36 drei- bis fünfjährige Kinder. Bei den Jungen hing häufigeres Spiel mit Spielzeugpistolen mit mehr realer Aggression zusammen; Fantasieaggression erklärte es nicht in derselben Weise. Weil die Forschenden beobachteten und Zusammenhänge auswerteten, belegt die Studie nicht, dass die Spielzeugpistolen die Aggression verursacht haben.
Hellendoorn und Harinck untersuchten 54 niederländische Kinder zwischen vier und sieben Jahren beim Spiel mit Kriegs- und neutralem Spielzeug. Reale Aggression gegen Personen oder Gegenstände kam selten vor und hing in dieser Untersuchung nicht mit dem Kriegsspielzeug zusammen. Smith, Ferguson und Beaver werteten später Längsschnittdaten von 2.019 Kindern aus, erhoben ab dem Alter von fünf Jahren mit einer Nachuntersuchung im Alter von 15 Jahren. Das frühe Spiel mit Spielzeugwaffen sagte spätere Jugendkriminalität nicht signifikant voraus, auch nach Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren.
Diese Arbeiten passen nicht in ein schlichtes „harmlos“ oder „macht aggressiv“. Sie untersuchen verschiedene Altersgruppen, unterschiedliche Formen von Aggression und sehr verschiedene Zeiträume. Für mich ist deshalb wichtiger, das konkrete Kind und die konkrete Spielsituation anzuschauen, als aus einer Plastikpistole eine Persönlichkeitsdiagnose zu machen.
Quellen zu diesem Abschnitt:
Watson, M. W.; Peng, Y. (1992): The Relation Between Toy Gun Play and Children’s Aggressive Behavior.
Hellendoorn, J.; Harinck, F. J. H. (1997): War Toy Play and Aggression in Dutch Kindergarten Children.
Smith, S.; Ferguson, C. J.; Beaver, K. M. (2018): Learning to blast a way into crime, or just good clean fun? Examining aggressive play with toy weapons and its relation with crime.
Was ist so schlimm an Kriegsspielzeug?
Wenn ihr Kriegsspielzeug problematisch findet, fragt euch ruhig, was genau euch daran stört. Ein Kind spielt schließlich nicht rund um die Uhr nur mit Pistolen, Schwertern und Plastikpanzern. Kriegsspielzeug zu besitzen bedeutet noch lange nicht, dass es einen Ausbildungsvertrag zum Berufssoldaten abgeschlossen hat.
Auch unsere eigenen Grenzen dürfen wir dabei prüfen. Ritter- und Piratenspiele wirken auf viele Erwachsene harmlos. Abschießerle oder Völkerball heißen Sport. Warum löst ausgerechnet die Plastikpistole bei uns einen anderen Reflex aus? Die Frage finde ich sinnvoll, weil sie uns zwingt, zwischen dem Thema eines Spiels und dem tatsächlichen Verhalten der Kinder zu unterscheiden.
Warum ich Kriegsspielzeug trotzdem nicht kaufen würde
In den Spendensäcken aus Rumänien lagen Pistolen und Panzer, während im Nachbarland ein echter Krieg lief. Mich stört bis heute der beiläufige Glanz, den Waffen bekommen können, wenn sie als cooles Kinderzimmerzeug herumliegen.
Deshalb kaufe ich Pistolen, Panzer und Soldatenfiguren nicht von mir aus. Waffen dienen dazu, zu bedrohen, zu verletzen und zu töten. Ich möchte ihnen im Familienalltag möglichst wenig Glanz geben. Das ist meine Haltung, keine allgemeingültige Regel für andere Familien.
Mit unseren Kindern rede ich lieber darüber, was hinter solchen Gegenständen steckt. Ich erzähle ihnen Geschichten aus der Jugendzeit meiner Großeltern. Wir sprechen über Freunde mit russischen und ukrainischen Wurzeln, über Flucht, Krieg und Töten. Beim Kinderyoga singen sie von „Shanti“ und „Om“. Und ich versuche, ihnen im Alltag zu zeigen, welche Werte mir wichtig sind und dass „Frieden“ nicht nur ein Wort ist, das man singt.

Das Spiel ist die Realität in klein
Wenn Kinder spielen, probieren sie Dinge aus. Mal ist es ein Vulkanausbruch, mal ein Autounfall, mal ein Restaurant und mal Krieg. Sie wechseln Rollen, verändern Regeln, machen etwas rückgängig und beginnen von vorn. Im freien Spiel müssen wir Erwachsenen nicht jede Szene sofort deuten.
Wir sollten uns als Eltern, Lehrkräfte und Betreuungspersonen darauf einstellen, dass Kinder auch laut, streitend und mit ziemlich schrägen Ideen spielen. Das Thema allein sagt noch nicht, ob ein Spiel kippt. Dafür schaue ich lieber darauf, wie es den beteiligten Kindern geht.

Wie wir reagieren können, wenn Kinder auf uns „schießen“
Wir reagierten bei unseren Jungs mit:
- lachen
- stöhnen
- tot umfallen
- mit der Bitte um noch mehr Schlagsahne aus dem Schießgewehr – oder Luftballons, Seifenblasen oder Blümchen
- hochschrecken
- hüpfen
- pupsen
- Augen rollen
- Grimassen schneiden
- „puff“ oder „peng“ sagen
- kurz zurückschrecken
- gar nicht reagieren
Und wenn es uns zu viel wurde, haben wir auch das gesagt. Gewaltfrei in etwa so: „Jetzt bitte nicht mehr. Ich habe erst mal genug und brauche eine Pause davon.“
Wann Erwachsene eingreifen sollten
Spielen Kinder Krieg, ist das für mich noch kein Grund einzugreifen. Ich greife ein, wenn ein Kind Angst bekommt, jemand klar nicht mitmachen will, Dinge kaputtgehen, ältere Kinder jüngere dominieren oder aus der Spielhandlung echte Übergriffigkeit wird.
Geht bei Beschuss, Verkehrsunfällen oder Raketeneinschlägen anderes Spielzeug zu Bruch oder wird ein Kind verletzt, schreitet bitte ein. Wenn ein Kind ausgeschlossen wird, helft, indem ihr Gefühle ansprecht und gemeinsam nach einer Lösung sucht. Will sich zum Beispiel kein Kind freiwillig an den Marterpfahl stellen, bindet einen Teddy oder einen Besen daran.
Ihr könnt auch die Erwachsenenrolle ablegen und einfach mitspielen. Das erfordert natürlich körperliche Ausdauer, hilft aber oft einer festgefahrenen Gruppe, über einen Konflikt hinauszukommen. Von solchen engagierten Vätern oder Horterziehern wird dann gerne geschwärmt. Mehr dazu findet ihr bei uns, wenn ein Kind die Grenzen anderer überschreitet oder wenn ihr euch grundsätzlich mit beziehungsorientierter Elternschaft beschäftigt.

Was aus „solchen“ Kindern mal wird
Statt uns mit dem Jetzt, dem einfachen Sein des Kindes zu begnügen, fragen wir uns oft, was aus unseren Kindern einmal werden soll. Dabei vergessen wir, dass jedes Kind bereits ist. Man wird nicht erst ein richtiger Mensch, wenn man einen Beruf hat.
Kinder sind keine Projekte, die nach Erwachsenenmaß geformt werden müssen. Sie haben eine eigene Gegenwart. Die verdient mehr als dauernde Prognosen.
Noch ein Wort zu Ballerspielen
Heute finde ich Ballerspiele noch blöd, aber mit vier heranwachsenden Kindern muss ich meine Meinung dazu vielleicht irgendwann neu sortieren. Vielleicht interessieren sie sich auch nie dafür.
Mein Ehe-Nerd ist wie viele seiner Freunde mit Spielen wie Wolfenstein 3D, Serious Sam und Half-Life aufgewachsen. Zum Amokläufer ist keiner von ihnen geworden, eher zum Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten. Das beweist ungefähr so viel wie die Geschichte von der Kriminalpolizistin weiter oben: nämlich nichts Verlässliches.
Digitale Spiele sind für mich ein eigenes Thema. Ich würde sie nicht einfach mit einem Stock im Wald oder einer Plastikpistole in einen Topf werfen und hier nebenbei mit abhandeln.
Wenn ihr bei Spielzeugfragen weiterdenken möchtet, schaut auch in unsere Gedanken zu pädagogisch wertvollem Spielzeug und zu Zeit statt Zeug.
Reden statt Befehlen
Gleich nach unserer Rückkehr nach Deutschland waren wir in einer Kaufhalle. Mein kleiner Sohn zielte mit seinem Ärmchen auf eine Frau vor uns an der Kasse und „schoss“ auf sie. Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. Aber die Frau schmunzelte, zielte mit dem Zeigefinger auf den Kleinen, machte puffige Schussgeräusche und „schoss“ zurück.
Pistolen und anderen Kriegsschmarrn würde ich meinen Kindern trotzdem nicht einfach so kaufen. Aber aus ihrem Spiel mache ich keine Diagnose. Wenn wir uns für einen Moment in die Position des spielenden Kindes versetzen: Welche Reaktion würden wir uns wünschen? Sicher keine Befehle, Bewertungen, Bevormundungen und Ratschläge. Wir würden uns wünschen, dass man mit uns spricht wie mit einem Freund.

Kriegsspielzeug: Was tun, wenn Kinder mit Pistolen und Panzern spielen wollen? von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.