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Zuletzt aktualisiert: 15. August 2026
Auf unseren Langzeitreisen haben wir zwei Dinge besonders schätzen gelernt: Freundschaften und Löwenzahn. Beides hatten wir zu Beginn unterschätzt. Würden wir uns in der Fremde einsam fühlen, weil wir niemanden kannten? Und würden wir das frische Grün vermissen, weil im trockenen Süden scheinbar nichts wächst? Unsere Zweifel sind verflogen. Südalbanien gab uns auf beide Fragen eine ziemlich schöne Antwort.
Ein Winter an der Lagune
Es war einer unserer letzten Tage in Albanien. Wir spazierten entlang der Laguna e Pasha Limanit, die Sonne schien, die Kinder tanzten im flachen Wasser, unser Hund stürmte den Straßenhunden entgegen, die uns nachliefen, und wir sinnierten glücklich darüber, wie unbeschwert dieser Winter für uns gewesen war.

Eigentlich hatten wir andere Pläne. Eine Beerdigung warf unsere Reise durcheinander, die Zeit reichte plötzlich nicht mehr, um zu einer Gemeinschaft von Unschooling-Familien zu fahren. Statt drei Monaten mit anderen Familien in Italien oder Ägypten verbrachten wir den Winter also in Südalbanien. Mit niemandem, den wir kannten.
Wie Kontakte auf Reisen entstehen
Trotzdem ergab sich der Austausch fast von selbst. Bei einem Treffen mit anderen Bitcoinern und auf einem Campingplatz fanden wir schnell Gleichgesinnte.
Manchmal fragt ihr uns, wie wir unterwegs Leute kennenlernen. Mit neuen Kontakten auf Reisen ist es wie mit Pusteblumen: Manchmal muss man gar nicht lange suchen, man findet sie einfach. Wenn wir gezielt andere Familien finden und uns vernetzen wollen, suchen wir zum Beispiel in Facebook-Gruppen nach „unschooling“ plus Land. Bei Instagram helfen Hashtags. Manchmal fragen wir, wer gerade in der Gegend ist. Und manchmal passiert es einfach auf dem Spielplatz, beim Kaffee mit Nachbarn oder irgendwo zwischen Meer und Schilf.
Das DE-Kennzeichen zieht Menschen oft genauso an wie unsere vier blonden Kinder in der Fußgängerzone. Aufgeschlossen zu sein öffnet viele Türen.
Wildpflanzen auf Reisen
Ähnlich geht es uns mit dem Essen. Zwischen heimischen Maisspitzen-Smoothies und trockenen Brombeerhecken liegen zwar Welten. Aber auch hier gilt, ein bisschen altmodisch: Wer suchet, der findet. Im deutschen Winter kann die Kräutersuche mühsam sein, in Südeuropa war sie für uns oft erstaunlich leicht.

An dem Tag an der Lagune trafen wir Menschen, die Löwenzahn zupften. Dieses Bild begegnete uns in Albanien immer wieder: meist ältere Frauen, die auf Brachflächen und am Strand Wildkräuter sammelten, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Diesmal sprach uns ein Paar auf Englisch an. Die beiden kamen aus Oklahoma. Wir redeten über Ostdeutschland, den Sozialismus und selbstbestimmtes Lernen auf Reisen. Dann tauschten wir Wildkräutertipps aus, und sie zeigten uns ihre liebsten Sammelstellen. Die beiden leben weder vegan noch rohkoststreng. Den „dandelion“ lieben sie trotzdem als Salat.
Löwenzahn: Was ist an den Gesundheitsversprechen dran?

Das Gespräch hat mein Interesse neu geweckt, also habe ich nachgelesen. Vor allem wollte ich wissen, was von den großen Gesundheitsversprechen übrig bleibt, wenn man die Kräuterseiten kurz beiseitelegt.
Löwenzahn essen: Blätter, Blüten und junge Stängel
Blätter, Blüten und Wurzeln des Löwenzahns werden seit Langem als Wildgemüse und in der Pflanzenheilkunde genutzt, quer durch viele Kulturen. Bei uns endet er meist im Kompost. Anderswo landet er geliebt auf dem Teller. Das sagt einiges darüber, wie sehr Gewohnheit unsere Wahrnehmung prägt.
Junge Blätter schmecken zarter als ältere. In einem gemischten Salat fallen sie kaum auf, außer durch ihre bittere Note. Die Blüten sind milder. Junge Stängel lassen sich herrlich zwischen den Zähnen hin und her schieben – das macht vor allem Kindern Spaß. Muss ja nicht immer Superfood-Rhetorik sein.

Verdauung und Bitterstoffe: Flatulenz ade? 😉
Die Europäische Arzneimittel-Agentur ordnet Löwenzahnwurzel als traditionell verwendete Heilpflanze bei milden Verdauungsbeschwerden ein, etwa bei Völlegefühl und Blähungen. Diese Einstufung ist kein Wirksamkeitsnachweis aus starken klinischen Studien am Menschen. Genau da wird aus einem plausibel klingenden „Bitterstoffe = bessere Verdauung“ eben noch keine gesicherte medizinische Wirkung.
Und weil wir hier unter Eltern sind: Ja, die EMA nennt tatsächlich auch Blähungen. Für ein wissenschaftlich bewiesenes „kein Fürzlein mehr“ reicht das trotzdem nicht. Schade eigentlich. 😉
Die Leber, das Krankenhaus und ein Kind mit Löwenzahn
Ich war noch ein Schulkind, als meine Eltern an Hepatitis erkrankten. Ich saß vor dem Krankenhaus und zupfte Löwenzahn vom Beet. Damals leuchtete mir eine Verbindung zur Leber ein. Heute weiß ich: So eindeutig, wie es mir als Kind schien, ist die medizinische Lage nicht. Aber die Szene ist mir geblieben.
Krebs, Diabetes und Immunsystem: große Versprechen, dünne Belege
Krebs, Diabetes, Immunstärkung, Leberreinigung: Solche Versprechen finden sich auf vielen Kräuterseiten. Dahinter stehen meist Labor- oder Tierstudien, selten überzeugende Forschung am Menschen. Für ein Heilversprechen reicht das nicht. Als Wildgemüse ist Löwenzahn interessant. Als Alleskönner klingt er schnell nach Werbung mit Wurzel.
Wildkräuter sammeln: Gerade mit Kindern lieber sicher
Gerade wenn Kinder mitsammeln, darf die Regel angenehm unspektakulär sein: Nur essen, was ihr sicher bestimmt habt, und Blätter von stark befahrenen Straßenrändern lieber stehen lassen. Bei Allergien gegen Korbblütler oder bei Erkrankungen der Gallenwege lohnt es sich, bei Löwenzahnwurzel als Heilpflanze genauer hinzuschauen. Ein paar Blätter im Salat und ein konzentriertes Präparat sind eben zwei verschiedene Dinge – online geht dieser Unterschied gern verloren.
Was Löwenzahn und Freundschaften gemeinsam haben
An diesem Tag an der Lagune wurde mir wieder klar, warum mir beides so lieb ist. Freundschaften und Löwenzahn findet man oft genau dann, wenn man aufgehört hat, verkrampft danach zu suchen. Man muss draußen sein, ansprechbar bleiben, sich umsehen. Dann stehen plötzlich zwei Menschen aus Oklahoma neben einem und reden über Weltbilder, Sozialismus und Salat.
Ich wünsche euch schöne Begegnungen und den Mut, euch manchmal einfach treiben zu lassen.

Wenn ihr weiterlesen möchtet: Unser Beitrag über Wildkräuter im November passt gut dazu. Und wenn euch der Bildungsaspekt interessiert, findet ihr hier unsere Grundgedanken zu Unschooling und selbstbestimmtem Lernen sowie unseren älteren Reisebeitrag zu selbstbestimmtem Lernen auf Reisen.
Quellen
- NCCIH: Dandelion: Zur Wirkung beim Menschen ist bisher sehr wenig erforscht.
- EMA-Monographie Taraxacum officinale radix: Traditionelle Anwendung bei milden Verdauungsbeschwerden.
- Sweeney et al. 2005: Ältere systematische Übersicht.
- Kania-Dobrowolska & Baraniak 2022: Neuere Übersicht, überwiegend präklinische Daten.
Eure Evelin
Freundschaften sind wie Löwenzahn: Kostbar und (fast) überall zu finden von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.