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Aktualisiert am 14. August 2026
Aggressives Verhalten: Ich vermute, fast jede Familie begegnet ihm irgendwann – weil das eigene Kind haut, schubst oder beißt oder weil ein anderes Kind körperlich wird. Und wir Eltern sehen uns in der Verantwortung. Mich erreichte dazu ein Leserbrief: „Was soll ich tun, wenn mein Kleinkind aggressiv reagiert? Wenn es andere Kinder schubst, beißt oder tritt? Wenn das Kind schlägt, weil es seinen Willen nicht bekommt?“ Diesen Fragen gehen wir auf den Grund.
Wenn ihr gerade mitten in so einer Phase steckt, findet ihr hier zuerst das, was in der Situation hilft. Danach geht es um die Frage, was hinter Hauen, Beißen oder Schubsen stecken kann, wie Sprache und Entwicklung hineinspielen und wann Unterstützung sinnvoll wird. Ein paar Geschichten aus unserem Familienalltag gehören dazu. Manche sind wahr. Eine ist zum Glück frei erfunden.
Soforthilfe: Wenn euer Kleinkind schlägt, beißt oder schubst
Wenn euer Kleinkind schlägt, beißt oder schubst, zählt zuerst die Sicherheit. Ihr könnt nah herangehen, die Bewegung stoppen und Abstand schaffen. Ein kurzer Satz reicht oft: „Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du weh tust.“ Oder: „Ich stoppe dich. Ich schütze euch beide.“
Ihr beendet damit eine Handlung, die gerade jemanden verletzt. Für lange Erklärungen ist später Zeit. Wenn die Situation wieder ruhiger ist, könnt ihr gemeinsam schauen, was kurz davor passiert ist und welche andere Möglichkeit beim nächsten Mal erreichbar wäre.
Wenn es für euch passt, kann ein kurzer Satz an die anderen Eltern entlasten: „Ich habe es gesehen, ich kümmere mich.“ Ein knapper Satz reicht in diesem Moment meist.
Ratschläge und Tipps gegen Aggressionen beim Kind
Zunächst wollte ich wissen, was andere dazu schreiben. Meine Websuche führte mich auf Blogs und Magazine, die „erzieherische“ Tipps geben. Es kam mir so vor, als wollten die Autoren einen Hund abrichten.
Bei meiner damaligen Suche begegnete mir auch das andere Extrem: die Vorstellung, Erwachsene könnten sich aus körperlichen Konflikten am besten vollständig heraushalten. Für mich tragen beide Richtungen zu wenig. Wenn ein Kind verletzt wird, braucht es Schutz. Beschämung, Drohungen und Strafen möchten wir dafür ebenfalls nicht einsetzen; sie passen nicht zu der Art, wie wir Konflikte begleiten wollen.
„Machen lassen“ ist also genausowenig eine Lösung wie strenge Worte und Bestrafungen.
Doch wie können wir damit umgehen, wenn ein Kleinkind körperlich wird? Dazu zunächst eine kleine Geschichte:
Streit ums Spielzeug
Mein Ehemann Patrick und ich sitzen vor unserem Haus. Patrick spielt mit dem Autoschlüssel vor sich hin. Klick auf, klick zu. Da kommt unser Nachbar. Er haut Patrick ins Gesicht und nimmt ihm den Autoschlüssel weg. Der Nachbar geht zu unserem Auto, steigt ein und fährt davon. Patrick ist entsetzt, doch ich tröste ihn: „Ist doch nicht so schlimm. Du bekommst das Auto dann schon wieder. Man kann ruhig mal teilen!“
Diese Geschichte ist frei erfunden, spiegelt aber wider, was tagtäglich zwischen Kindern passiert und wie viele Eltern reagieren.
Die nächste Geschichte ist hingegen wahr.
Mein „aggressives“ Kind
Mit unserem ersten Kind besuchte ich einmal wöchentlich eine Krabbelstube. Bald zeigte sich, dass ich ein „aggressives“ Kleinkind habe. Es biss ein anderes Kind plötzlich und ohne ersichtlichen Grund. Zumindest kann man bis heute nur darüber mutmaßen, weshalb genau es biss. Alles, was ich unternahm, half nichts. Ich war bald der Buh-Mann und fühlte mich mies.
Die Sozialpädagogin und Leiterin dieser Krabbelgruppe saß lange da und schaute zu. Als mein Kind dann dazu überging, einen Teddy zu hauen, statt ein anderes Kind zu beißen, hielt sie meinem nicht mal zweijährigen Kind eine Moralpredigt. Die Folge: Die Krabbelstunde hatte zwei Besucher weniger.
Vom Eingreifen bei aggressivem Verhalten
Bald verabredete ich mich mit der Mutter des anderen Kindes privat. Ich war froh darüber, dass ein „Stopp!“ diesmal gleich von meiner Freundin kam, bevor mein Kind wieder zubeißen konnte. Das „Stopp!“ mit vorgestreckter Hand ist für manche Eltern schon zu viel. Für unsere Kinder war es kein Grund, in Tränen auszubrechen. Es war ein verständliches Zeichen: Bis hierher und nicht weiter.
Bei anderen Freunden hatten wir weniger „Glück“: Mein Kind, damals zwei Jahre alt, wollte ein Spielzeug haben. Es sagte das aber nicht, sondern versuchte, das Spielzeug an sich zu reißen. Der kleine Junge ließ erst los, nachdem mein Kind gebissen hatte. Mir tat es so leid und ich fühlte mich hilflos. Die Mutter des Jungen sah die blaue Wange nicht kritisch und sagte: „Mein Kind muss eben lernen, zu teilen!“
Erinnert ihr euch noch an die Geschichte von Patrick und unserem Nachbarn? Ich vermute, Patrick wäre in der Situation glücklicher gewesen, wenn ich eingegriffen und dem Nachbarn klargemacht hätte, dass er nicht einfach das Auto nehmen kann.
Wenn wir eingreifen, schützen wir das betroffene Kind und zeigen zugleich, wo eine körperliche Grenze verläuft. Mit dem „Stopp“ ist das Problem jedoch noch nicht aus der Welt. Im nächsten Schritt geht es darum, die Situation zu verstehen, ohne dem Kind Motive anzudichten.
Was bedeutet „Aggression“ bei Kleinkindern?
Körperliche Aggression taucht bei vielen Kindern früh auf. Eine niederländische Studie mit 2.253 Kindern fand körperlich aggressive Handlungen bereits bei Einjährigen; im zweiten Lebensjahr nahmen sie zu und ab dem dritten Geburtstag im Mittel wieder ab. Die Verläufe unterschieden sich deutlich zwischen den Kindern. Alink et al. (2006): The early childhood aggression curve.
Auch die britische Cardiff Child Development Study beobachtete aggressive und prosoziale Handlungen schon in den ersten Lebensjahren und große individuelle Unterschiede. Die Autor:innen weisen zugleich darauf hin, dass ihre Stichprobe aus einer Region Großbritanniens stammte und sich ihre Ergebnisse deshalb nicht beliebig verallgemeinern lassen. Hay et al. (2021): Prosocial and Aggressive Behavior.
Hauen und Beißen sind zunächst Handlungen. Ihre Wirkung zählt, und sie erzählen noch nichts über den Charakter eines Kindes.
Aggression und Kommunikation
Kleinkindern fehlen in hitzigen Konflikten oft noch die Worte, mit denen ältere Kinder oder Erwachsene verhandeln können.
Wenn die Worte fehlen, schreiten Kleinkinder manchmal gleich zur Tat. Folgendes können wir jedenfalls eher selten beobachten:
„Hallo, ich bin Fritz. Mir ist aufgefallen, dass du eine grüne Schaufel hast.“
„Oh, ja, vielen Dank. Die Schaufel hat mir meine Oma geschenkt.“
„Wie gut du es hast! Ich hätte auch gerne so eine Schaufel. Dann könnte ich schnell mal in diesem Loch da vorn herumstochern.“
„Das klingt spannend. Ich kann mich sehr gut in dein Bedürfnis hineinversetzen. Du könntest meine Schaufel kurz ausborgen. Was meinst du?“
„Das wäre fabelhaft. Dankeschön. Gleich werde ich sie nicht mehr benötigen und bringe sie dir zurück.“
Nein, so verhandeln Kleinkinder gewöhnlich nicht. Es dauert Jahre, bis wir ungeduldigen Eltern Zeuge solcher Gespräche werden.
Kleinkinder verfügen noch nicht über dieselben sprachlichen und sozialen Möglichkeiten wie ältere Kinder oder Erwachsene. Das zeigt sich ausgerechnet dann, wenn zwei gleichzeitig dieselbe Schaufel wollen. Sprache erweitert die Wege, auf denen ein Kind sein Anliegen ausdrücken kann.
Eine Meta-Analyse von Hentges und Kolleg:innen fasste Studien zu Sprachfähigkeiten sowie internalisierenden und externalisierenden Problemen zusammen. Sprachschwierigkeiten hingen statistisch mit mehr externalisierenden Problemen zusammen; dieser Zusammenhang erlaubt keine Aussage darüber, dass fehlende Sprache einen einzelnen Beiß- oder Schlagvorfall verursacht. Hentges et al. (2021).
Für unseren Alltag reicht mir diese vorsichtige Aussage völlig: Wenn ein Kleinkind noch kaum sagen kann „Ich will die Schaufel“, „Geh weg“ oder „Das war mir zu viel“, lohnt es sich, ihm solche Worte anzubieten. Zum Beispiel: „Du wolltest die Schaufel. Ich habe gesehen, dass du gebissen hast. Ich stoppe das. Wir können fragen, warten oder erst einmal Abstand nehmen.“ Welche Beschreibung passt, zeigt sich aus der Situation; Gefühle oder Bedürfnisse müssen wir dabei nicht erraten.
Sind wir ein gutes Vorbild?
Also brauchen die Kinder uns als Vorbild; uns, die wir im Umgang mit anderen selbst so bewusst sind. 😉
Was geben wir denn für ein Vorbild ab, wenn wir unseren Kindern auf den Spielplätzen ein lautes „NEIIIN!“ oder „TEILEN!“ um die Ohren donnern und sie mit schrägen Konsequenzen bestrafen?
Wir haben zwar erkannt, wie wichtig das elterliche Vorbild für die Kinder ist und wollen „vorleben“, haben aber selbst Unstimmigkeiten und Konflikte: mit uns selbst, mit unserer Vergangenheit, mit der Familie oder dem Partner. Auch Zeitungen und das Internet sind voll davon. Wo man auch hinschaut: Nirgends ist immer Friede, Freude, Ei-Ersatz-Kuchen.
Das bedeutet für mich keine Forderung nach pädagogischer Perfektion. Wenn mir die Stimme entgleist, kann ich später wieder Kontakt aufnehmen: „Vorhin war ich zu laut. Ich war gestresst. Das wollte ich anders sagen.“ Auch das ist Vorbild.
Ein Vorbild braucht Authentizität
Astrid Lindgren sprach am 22. Oktober 1978 in der Frankfurter Paulskirche über Gewalt gegenüber Kindern. In ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels stellte sie das Beispiel der Erwachsenen ins Zentrum und schloss mit ihrem bekannten „Niemals Gewalt!“. Die Rede ist heute im Original beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels dokumentiert.
Zum Vorbild gehört auch der Umgang mit anderen. Dabei dürfen wir authentisch sein.
Ein Satz wie „Stopp! Das tut weh. Ich halte deine Hand, damit niemand verletzt wird“ kann in einer körperlichen Auseinandersetzung genau das sagen, was gerade passiert: Wir schützen jemanden und übernehmen Verantwortung.
Altersgerecht artikulieren
Euer Anliegen kann so einfach wie möglich formuliert sein. Auch wenn wir mit den jungen Menschlein bereits dicke Bücher bestaunen oder ausschweifend über Bagger und Puppenkleider debattieren: In hitzigen Situationen kommt bei Kleinkindern ein „Stopp, das tut weh“ schneller an als ein Vortrag über Gut und Böse.
Die Perspektive der anderen Eltern
Es gibt Eltern wie mich damals, die mit ihrem Kind eine Spielstunde irgendwann meiden. Das Gleiche passiert in umgekehrter Richtung: Eltern ziehen sich zurück, weil ihr Kind wiederholt verletzt wird und sie sich mit der Situation allein fühlen.
Wie würdet ihr reagieren, wenn euer Kind verletzt wird? Und was würdet ihr euch von den Eltern des anderen Kindes wünschen?
Selbst wenn ihr mit eurem Kind in manchen Situationen nicht weiterwisst, kann ein kurzes Gespräch entlasten: „Ich habe es gesehen. Ich kümmere mich.“ Niemand braucht dafür eine Rechtfertigungsshow.
Sich um das betroffene Kind kümmern, ohne euer Kind zu verlieren

Trost spenden
Die Verfasserin des Leserbriefes schrieb zum Beispiel, dass sie dem umgeschubsten Kind aufhilft. Das finde ich prinzipiell gut. Das verletzte Kind bekommt damit Unterstützung.
Während ich dem verletzten Kind helfe, möchte ich mein eigenes Kind ebenfalls im Blick behalten. Ein Satz kann reichen: „Ich helfe kurz. Ich bin gleich wieder bei dir.“
Euer Kind ernstnehmen
Dass wir ein Kind ernstnehmen, zeigt sich vor allem darin, dass wir hinschauen und zuhören. Nach einem körperlichen Konflikt interessiert mich deshalb: Was ist unmittelbar davor passiert? Wollte das andere Kind etwas wegnehmen? War es laut oder eng? Hat unser Kind schon vorher versucht, Abstand zu bekommen? War es müde oder hungrig?
Diese Fragen halten verschiedene Erklärungen offen. Ein starrer Blick, ein Griff nach dem Spielzeug oder ein Schrei zeigt etwas Beobachtbares. Was das Kind dabei gedacht oder gefühlt hat, wissen wir erst, wenn es das selbst ausdrücken kann oder der Zusammenhang wirklich eindeutig ist.
Handeln, bevor es kracht

Rechtzeitig merken, wann es zu viel wird
Viele Konflikte kündigen sich an. Wenn wir beim Spielen im Kontakt mit dem Kind bleiben, sehen wir manchmal schon vorher, dass die Situation kippt.
Eine Pause kann gut tun, wenn:
- zu viele Kinder auf einem Haufen sind,
- es unserem Kind zu viel wird,
- unser Kind müde, hungrig oder durstig ist,
- es sehr laut oder stickig ist,
- die Konkurrenz um ein einziges Spielzeug gerade alles andere überlagert.
Dann können wir näher herangehen, mitspielen, kurz den Ort wechseln, etwas zu trinken oder zu essen anbieten oder eigenes Spielzeug hervorholen. Manchmal tut auch uns Erwachsenen ein Treffen an einem Ort gut, an dem wir nicht die ganze Zeit das Gefühl haben, unter Beobachtung zu stehen.
Essen, Hunger und Aggression: Was wissen wir?
Beim Essen lohnt eine Trennung zwischen zwei Fragen. Hunger kann einen ohnehin anstrengenden Nachmittag noch anstrengender machen. Die verbreitete Behauptung, Zucker mache Kinder über eine „reaktive Unterzuckerung“ aggressiv, ist wissenschaftlich nicht gut belegt.
Eine Meta-Analyse von 23 placebokontrollierten Versuchen fand insgesamt keinen nachweisbaren Effekt von Zucker auf Verhalten oder kognitive Leistung von Kindern; kleine Effekte oder Reaktionen einzelner Untergruppen konnten die Autor:innen nicht ausschließen. Wolraich, Wilson & White (1995). In einem doppelblinden Versuch mit 30 Vorschulkindern zeigten Zucker und Aspartam ebenfalls keinen signifikanten Effekt auf Aggression. Saravis et al. (1987).
Für den Spielplatz ist deshalb der schlichte Check hilfreicher als eine Zuckerdiagnose: Wann hat euer Kind zuletzt gegessen und getrunken? Wie müde ist es? Wie voll war der Tag? Solche Fragen beschreiben die aktuelle Situation, ohne aus einem einzelnen Konflikt eine Ernährungsursache zu machen.
Zum Thema Essen, Autonomie und Familienalltag: Selbstbestimmt essen: weniger Druck, mehr Beziehung.
Aggression vorbeugen: altersgerecht spielen

Kleinkinder spielen nebeneinander und miteinander
Kleinkinder spielen häufig nebeneinander. Gleichzeitig wäre es zu grob, daraus feste Stufen wie „bis zwei allein, ab drei zu zweit“ zu machen. Schon Ein- und Zweijährige richten ihr Verhalten auf andere Kinder aus; mit dem Alter nimmt die Koordination zu. In einer Längsschnittbeobachtung von 16 bis 32 Monaten wurden koordinierte Handlungen mit Gleichaltrigen deutlich häufiger. Eckerman, Davis & Didow (1989).
Eine Studie mit Zweijährigen zeigte außerdem, dass sie ihre Handlungen mit einem gleichaltrigen Kind auf ein gemeinsames Ziel abstimmen können. Breeland, Henderson & Low (2022).
Für den Alltag heißt das: Nebeneinander spielen ist bei Kleinkindern völlig vertraut und gemeinsames Spiel kann ebenfalls vorkommen. Wie viel Zusammenarbeit gerade möglich ist, hängt vom Kind, von der Situation und vom Spielmaterial ab. Weniger Konkurrenz um ein einziges begehrtes Objekt kann manche Treffen entspannter machen.
Mehr dazu: Sozialisation ohne Kindergarten: Geht das? Erfahrungen & Fakten.
Wenn euch die Kraft fehlt
Wenn euch die Kraft fehlt, hilft zuerst ein kleinerer Anspruch. Sicherheit herstellen, kurz wieder Boden unter die Füße bekommen und danach Kontakt aufnehmen kann an manchen Tagen genug sein.
Eine Studie mit 107 Kindern aus der Allgemeinbevölkerung untersuchte oppositionell-aggressives und aufmerksamkeitsbezogenes Verhalten mit 14 und 21 Monaten sowie den von den Müttern berichteten Erziehungsstress. Höhere oppositionell-aggressive Werte mit 14 Monaten gingen mit höherem Erziehungsstress einher. Daraus lässt sich kein einfacher Kreislauf für jede Familie ableiten. Es zeigt aber, dass herausfordernde Phasen auch Eltern deutlich belasten können. Beernink et al. (2012).
Wenn ihr euch über längere Zeit im Alarmmodus erlebt, Übergriffe häufig oder heftig werden, andere Kinder ernsthaft verletzt werden oder ihr Angst vor euren eigenen Reaktionen bekommt, ist Unterstützung sinnvoll. Das Informationsangebot kindergesundheit-info.de des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit nennt kinderärztliche Praxen als Anlaufstelle bei auffälligen Entwicklungs- oder Verhaltensveränderungen. Familien- und Erziehungsberatungsstellen sowie Angebote der Frühen Hilfen können zusätzlich entlasten.
Fazit: schützen, verstehen, andere Wege finden
Kleinkinder können schon erstaunlich viel und geraten trotzdem in Situationen, in denen der Körper schneller ist als die Worte. Dann brauchen beide Kinder Schutz. Danach können wir Erwachsene helfen, das Geschehen zu sortieren, ohne aus einem Biss oder Schlag eine Eigenschaft des Kindes zu machen.
Im Verlauf der frühen Kindheit nimmt körperliche Aggression bei vielen Kindern ab. Gleichzeitig wachsen Sprache und Selbstregulation. Der einzelne Weg kann sehr verschieden aussehen. Mir hilft dabei ein ziemlich unspektakulärer Dreischritt: schützen, verstehen, gemeinsam andere Wege finden.
Und an den Tagen, an denen davon nur der erste Schritt klappt, war wenigstens der wichtigste geschafft.
FAQ: Aggression bei Kleinkindern
Ist es „normal“, wenn Kleinkinder hauen, beißen oder schubsen?
Körperliche Aggression kommt im Kleinkindalter häufig vor, ihre Häufigkeit und Intensität unterscheiden sich aber stark. Spannender als das Etikett „normal“ ist für uns die Frage, was unmittelbar davor passiert und welche Unterstützung das Kind in solchen Situationen braucht.
Was könnt ihr tun, wenn euer Kleinkind schlägt?
Zuerst lässt sich die Bewegung stoppen und Abstand herstellen. Ein Satz wie „Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du weh tust“ benennt die Grenze, ohne das Kind abzuwerten. Danach kann die Situation gemeinsam sortiert werden.
Wie könnt ihr reagieren, wenn euer Kleinkind beißt?
Beim Beißen gilt dasselbe: schützen, kurz sprechen, später verstehen. Falls eine Verletzung entstanden ist, braucht das gebissene Kind zuerst Versorgung. Euer eigenes Kind kann dabei in Beziehung bleiben.
Braucht es sofort eine Entschuldigung?
Eine ausgesprochene Entschuldigung sagt bei einem Kleinkind wenig darüber aus, was es verstanden hat. Eine kleine Wiedergutmachung kann greifbarer sein: ein Pflaster holen, etwas zurückgeben oder dem anderen Kind Raum lassen.
Wann ist Unterstützung sinnvoll?
Wenn Übergriffe sehr häufig oder heftig werden, andere Kinder ernsthaft verletzt werden, sich das Verhalten deutlich verändert oder ihr selbst dauerhaft unter Strom steht, kann eine fachliche Einordnung entlasten. Kinderärztliche Praxen, Familien- und Erziehungsberatungsstellen sowie Frühe Hilfen sind mögliche Anlaufstellen.
Hilft mehr Sprache?
Sprache kann zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, einen Wunsch, Protest oder Frust auszudrücken. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Sprachschwierigkeiten und externalisierenden Verhaltensproblemen. Daraus folgt nicht, dass ein Kind beißt, weil es „zu wenig spricht“. Für den Alltag kann es trotzdem hilfreich sein, passende kurze Sätze anzubieten, sobald das Kind wieder aufnahmefähig ist.
Weiterlesen bei FreeYourFamily
- Unser Leben mit einem hochsensiblen Kleinkind
- Sozialisation ohne Kindergarten: Geht das? Erfahrungen & Fakten
- Spielzeug für Kinder auf Reisen: leichtes Gepäck, gute Ideen
- Kinderbücher für Babys und Kleinkinder bis 3 Jahre
- Selbstbestimmt essen: weniger Druck, mehr Beziehung
Weiterführende Literatur
Katharina Saalfrank: Was unsere Kinder brauchen: 7 Werte für eine gelingende Eltern-Kind-Beziehung
Jesper Juul: Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist
Jesper Juul: Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie
Eure eigenen Erfahrungen mit „Aggression“ bei Kleinkindern und eure offenen Fragen interessieren uns.
Viele Grüße,
Eure (friedliebende) Evelin
Wenn Kleinkinder hauen, beißen, schubsen: ruhig bleiben und gut eingreifen von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
Hallo zusammen.sehr interessanter Artikel und gut zusammen gefasst.ich mag eure Grundeinstellung und Sichtweisen sehr.❤️Lg Eva
Vielen Dank, liebe Eva! <3
Toller Beitrag, sehr interessant und ich kann mich total anschliessen. Es kommt auf jede Situation drauf an und darauf, wie man selber reagiert. Eltern sind Vorbilder, so lernen die Kinder am Besten.
Nochmals danke für dieses wichtige Thema.
LG Emilie
Hallo Emilie,
danke für deine Worte. Es freut mich, dass du es ganz ähnlich siehst.
Liebste Grüße, Evelin
Wieder mal ein sehr schöner Artikel von dir. Dieses sensible Thema gut verständlich geschrieben, und mit guten Tipps, sogar die Ernährung hast du mit integriert ( Zucker & Co. ). Ich finde lieber die Wut raus lassen als zu unterdrücken und schlucken. Oft kommt sie später hoch, manchmal nach 30 oder 40 Jahren, zeigt sich psychisch oder mit körperlichen Symptomen. Eure Kinder haben das Glück dass ihr, Evelin und Patrick, authentische „Leitwölfe“ seid. Viele andere Kinder haben streitende Eltern, besonders wenn Eltern sich als Paar getrennt haben, das ist wohl ein anderes Thema. Meiner Erfahrung nach machen sich viele Kinder als Erwachsene auf den Weg der Heilung. Liebe Grüße Volker
Lieber Volker,
ich danke dir für deinen lieben Kommentar!
Deine Gedanken, die du zu streitenden Eltern mit all seinen Auswirkungen nennst, kann ich vollkommen unterschreiben. Ich denke, dass man sich besonders dann wieder mit seiner Kindheit auseinandersetzt, sobald die eigenen Kinder einen in Wut und Rage oder Verzweiflung bringen oder neuen Fragen und Herausforderungen konfrontieren. Auch wir überlegen dann manchmal in der Stille: „Welches Kapitel meines Lebens bringt solche Gefühle in mir hoch?“ oder „Was will mir meine gegenwärtige Krankheit sagen?“
Die Schritte der Aufarbeitung mit all seinen Überlegungen kann zwar anstrengend sein, doch empfinde ich sie auch als sehr spannend.
Herzliche Grüße, Evelin