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Digitale Revolution: So bereiten wir unsere Kinder auf die Zukunft vor 2

Aktualisiert am 13. August 2026

Wir befinden uns im Zeitalter der digitalen Revolution. Da, wo ich als „Millennial“ hineingewachsen bin, werden unsere Kinder im wahrsten Sinn des Wortes hineingestoßen. Bevor sie verstehen können, was eigentlich passiert, sind sie gefangen in einer Welt der beständigen Berieselung und des Vergnügens durch die digitalen Medien – wenn wir sie nicht begleiten und ihnen helfen, diese Welt zu verstehen und sinnvoll zu nutzen. Um diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen zu können, ist es notwendig, dass wir kompetent im Umgang mit digitalen Medien sind und uns auskennen.

Begleitung heißt für uns im Alltag: Wir schauen vieles zusammen, reden darüber und merken gemeinsam, wann es genug ist. Dann suchen wir nach etwas, das gerade besser passt. Das gilt für Fernsehen und Youtube genauso wie inzwischen für KI-Chatbots.

Wie ich mit (digitalen) Medien aufwuchs

Als ich ein Kleinkind war, gestatteten mir meine Eltern höchstens, abends den Sandmann im DDR-Fernsehen anzuschauen.

Erst als Schulkind, nach der Wende, durfte ich den Arbeits-Computer meines Papas verwenden (ein 386er mit 33 MHz), den ich schon bald besser verstand als er. Auf dem Atari ST meines Bruders spielte ich pixelige Adventures und Autorennen oder ließ mich vom Röhrenfernseher ans Kinderprogramm fesseln, das in seiner visuellen Aufmachung weit von dem entfernt ist, was heute im Fernsehen gezeigt wird. Es war eine andere, weniger „gefährliche“ Zeit, da es das Internet noch nicht gab.

Ich durfte am PC schalten und walten wie ich lustig war. Es gab lediglich eine vom Familienalltag geprägte, zeitliche, nicht jedoch eine inhaltliche Einschränkung meiner Mediennutzung.

Die digitale Revolution

Ich habe die Geburtsstunde des World Wide Webs miterlebt, als es für die Weltöffentlichkeit zugänglich wurde. Wir wählten uns noch mit einem Modem übers Telefonnetz ein und bewegten uns mit damals ausreichend schnellen 56 kbit/s im Internet. Für Chaträume und Foren war das ausreichend. Videoplattformen, Onlineshops und soziale Netzwerke gab es nicht. Seitdem schreitet die digitale Revolution unaufhaltsam voran.

Die Entwicklung in den mehr als 30 Jahren, die seither vergangen sind, ist unglaublich. Heute telefonieren wir, dank der Digitalisierung, in Echtzeit übers Netz – sogar mit annähernder Liveübertragung unseres Antlitzes. Das Internet erlaubt uns, ortsunabhängig zu arbeiten, mittels Smartphone-App Einkäufe zu bezahlen sowie Heizung und Staubsaugerroboter in unserem „Smart Home“ von unterwegs zu steuern.

Auch die digitalen Assistenten wurden schnell alltäglich. Alexa, Siri, Cortana oder Google Assistant konnten wir nach dem Wetterbericht fragen, uns Witze erzählen lassen oder sie beauftragen, selbständig für uns eine Pizza zu bestellen.

Was würden wir nur ohne Google, Facebook und Amazon tun? Und wo wird das hinführen? Ein beklemmend dystopisches Bild der weiteren Entwicklung zeichnet der Historiker und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari.

Frisst die digitale Revolution unsere Kinder?

In Anbetracht der Tatsache, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist und unsere Kinder ihren Teil dazu beitragen können, dass in der digitalen Revolution die „richtigen Wege“ eingeschlagen werden, wollen wir unsere Kinder nicht vor der Digitalisierung und den digitalen Medien bewahren. Es kommt nur darauf an, WIE wir die digitalen Helfer im Alltag nutzen. Sie eignen sich ausgezeichnet dazu, unser Dasein bequemer und „smarter“ zu gestalten und Aufgaben effizient zu lösen. Dadurch schenken sie uns Zeit, die wir für die wichtigen Dinge des Lebens einsetzen können.

Die schöne neue Welt ist dadurch geprägt, dass uns quasi das gesamte Wissen der Menschheit online zur Verfügung steht. Wir sind nur eine Suchmaschineneingabe und zwei Klicks oder eine Anfrage an den „digitalen Assistenten“ von der Lösung eines Problems entfernt. Es ist nicht die Frage, ob wir digitale Medien verwenden, sondern wie und warum wir es tun.

Denn sie haben ihre Schattenseiten. Zu einem kompetenten Umgang gehört für mich auch, diese Schattenseiten zu kennen. Ich rede nicht vom Drogen- und Waffenhandel im Darknet, von den Gefahren durch Pädophile in Chaträumen oder Cybermobbing, was durchaus ernstzunehmende Probleme sind. Eine allgegenwärtige Bedrohung ist die der Manipulation durch die digitalen Medien. Ja, uns fällt sie nicht mal auf, weil sie so alltäglich ist.

Allzu häufig werden digitale Medien zum Beispiel dazu missbraucht, dem Menschen Zeug anzudrehen, das er nicht braucht und in ihm Bedürfnisse zu wecken, die er vorher nicht hatte. Ein Teil der digitalen Medien übt gerade dadurch einen Reiz aus, dass man damit eindrucksvoll seine Zeit totschlagen kann, im wahrsten Sinn des Wortes: Digitale Medien, die der „Unterhaltung“ dienen, uns aber lediglich zum Konsumsklaven mutieren lassen. Ich denke hier in erster Linie an Fernsehen, Facebook, Snapchat, Youtube und ähnliche Angebote.

Wenn die durch die Digitalisierung und die Effizienz digitaler Medien neu hinzugewonnene Zeit wieder in Unterhaltungsmedien fließt, geraten wir in einen Teufelskreis, der unserem Streben nach Glück entgegensteht, wie ich später noch erläutern werde.

Die Zeit sinnvoll nutzen: Museumsbesuch

Die Zeit sinnvoll nutzen – ein Besuch im Museum

Als Eltern ist es unsere Aufgabe, unseren Nachwuchs verantwortungsvoll in seine Zukunft zu begleiten und möglichen Schaden von ihm abzuwenden. Das gilt für das Aufwachsen in unserer Welt im Allgemeinen und für den Umgang mit digitalen Medien im Besonderen.

Fernsehen: Risiken, die wir ernst nehmen

Bei diesem Thema ist mir ein Unterschied wichtig: Studien zu Bildschirmmedien zeigen häufig Zusammenhänge. Für den Alltag eines einzelnen Kindes spielen dabei Alter, Inhalt, Dauer und Begleitung mit. Eine Meta-Analyse von 2024 mit 100 Studien und 176.742 Kindern unter sechs Jahren fand kleine bis moderate Zusammenhänge zwischen verschiedenen Nutzungskontexten und kognitiven oder psychosozialen Ergebnissen. Gemeinsame Nutzung mit einer Bezugsperson hing dabei mit günstigeren kognitiven Ergebnissen zusammen. Mallawaarachchi et al., JAMA Pediatrics (2024).

Fernsehen und graue Substanz: Was die CARDIA-Studie zeigt

Eine Sache, die wir zum Beispiel nicht mitmachen, ist das Fernsehen.

Beim Fernsehen sehen und hören wir; je nach Inhalt denken, lachen, lernen oder gruseln wir uns dabei. Für meine Entscheidung zählt deshalb vor allem, was lange passive Medienzeit mit unserer Zeit macht und welche Zusammenhänge Forschung tatsächlich findet.

Dougherty und Kolleg:innen werteten Daten von 599 Erwachsenen aus der CARDIA-Kohorte aus. Eine höhere, über Jahre berichtete Fernsehdauer im frühen bis mittleren Erwachsenenalter hing im mittleren Lebensalter mit geringerem Volumen grauer Substanz in bestimmten Hirnregionen zusammen. Die Beobachtungsstudie zeigt diesen Zusammenhang. Aussagen über absterbende Nervenzellen durch Fernsehen oder Demenzdiagnosen gehen über diese Auswertung hinaus. Dougherty et al., Brain Imaging and Behavior (2022).

Fernsehen, Gewohnheiten und Alltag

In der Studie „Quebec Longitudinal Study of Child Development Main Exposure“ aus dem Jahre 2010 werteten Wissenschaftler:innen der Universität von Montreal Daten von 1.314 Kindern aus. Die Eltern berichteten über die Fernsehdauer im Alter von 29 und 53 Monaten. Als die Kinder im vierten Schuljahr im Mittel etwa zehn Jahre alt waren, erfasste die Forschungsgruppe Angaben von Eltern und Lehrer:innen sowie weitere Messwerte.

Das Ergebnis: Jede zusätzliche Stunde Fernsehen pro Tag im Alter von 29 Monaten hing im vierten Schuljahr unter anderem mit weniger Engagement im Unterricht, mehr berichteter Viktimisierung durch Mitschüler:innen, weniger körperlicher Aktivität am Wochenende, höheren Werten beim Konsum von Softdrinks und Snacks sowie einem höheren BMI zusammen. Die Autor:innen beschreiben prospektive Zusammenhänge und berücksichtigten mehrere familiäre und individuelle Einflussfaktoren. Die Richtung der Ursache bleibt damit offen. Pagani et al., Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine (2010).

Fernsehen als Trostspender?

Das Fernsehen ist ein Energie- und Glücksräuber. Jaye Derrick von der Universität von Buffalo und ihre Kolleg:innen untersuchten 2009 in vier Studien, ob Lieblingssendungen ein Gefühl sozialer Zugehörigkeit vermitteln können. In Studie 1 mit 701 Student:innen berichteten die Teilnehmenden, sich Lieblingssendungen zuzuwenden, wenn sie sich einsam fühlten, und sich beim Anschauen weniger einsam zu fühlen. Weitere Experimente der Forschungsgruppe stützten diese Idee. Derrick, Gabriel & Hugenberg, Journal of Experimental Social Psychology (2009).

John Robinson und Steven Martin werteten US-amerikanische Befragungsdaten aus mehreren Jahrzehnten aus. Menschen, die sich als unglücklich beschrieben, verbrachten darin mehr Zeit vor dem Fernseher; Fernsehen wurde zugleich als kurzfristig angenehme Tätigkeit berichtet. Die Richtung der Ursache bleibt damit offen. Robinson & Martin, Social Indicators Research (2008).

Robert Kubey und Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben in einem Überblick zu ihrer Forschung, dass Befragte nach dem Fernsehen häufig von einem Gefühl berichteten, als sei ihnen Energie entzogen worden. Kubey & Csikszentmihalyi, Scientific American (2002). Sollten meine Kinder einmal den Fernseher als „Trostspender“ sehen, habe ich wohl irgendwas falsch gemacht.

Was tun bei Langeweile?

Kreative Problemlösungen? Ausdauernde Beschäftigung mit einer Aufgabe? Geduldiger Umgang mit unstrukturierter Zeit? Mich interessiert an der alten kanadischen „Notel“-Forschung vor allem, dass Fernsehen dort tatsächlich als natürliches Experiment untersucht werden konnte: Eine abgelegene Gemeinde bekam erst spät Fernsehempfang, und Forschende beobachteten Veränderungen davor und danach. Die Arbeiten sind historisch interessant. Ihre Aussagekraft für den heutigen Umgang eines einzelnen Kindes mit Langeweile ist begrenzt. Williams, The Impact of Television: A Natural Experiment Involving Three Communities (1979).

Überforderung

Wir Erwachsenen können einen Film vernünftig, aus einer gewissen Distanz, erleben. Es ist uns bewusst, dass das Gezeigte nicht real ist und Schauspieler:innen für unsere Unterhaltung sorgen.

Bei kleinen Kindern möchte ich diese Distanz nicht voraussetzen. Auch mir ging es so, als ich ein Kind war. Was glaubt ihr, wie sehr mich die Raptoren aus Jurassic Park im Nachhinein noch gegruselt haben? Ich war 11 Jahre alt, als ich den Film sah.

Die deutsche S2k-Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs empfiehlt für jüngere Kinder ebenfalls sehr zurückhaltende Bildschirmzeiten und bei Drei- bis Sechsjährigen die Anwesenheit der Eltern. Sie nennt auf Seite 3 außerdem die kritische Begleitung digitaler Aktivitäten. Die Leitlinie bezeichnet ihre Empfehlungen als konsensbasiert. Die Minutenwerte dienen damit als fachliche Orientierung. AWMF-Registernummer 027-075, Version 1.3.

Das Fernsehen formt das Denken und Handeln auf eine Weise, die ich mir für meine Kinder nicht wünsche.

Fernseher adé – und die Alternativen

Als Evelin mit unserer Großen schwanger war und wir zusammengezogen sind, fiel es mir leicht, mich vom Fernseher zu trennen. Wenn ich heute irgendwo zu Besuch bin, und mitbekomme, was in der Glotze läuft, merke ich, wie mir das Gezeigte und die obligatorischen Werbeunterbrechungen auf die Nerven gehen. Ich vermisse das Fernsehen nicht.

Es ist im Grunde leicht, das Fernsehen, das eine passive mentale und physische Haltung fördert, zu ersetzen. Statt das wertvollste Gut, das wir im Leben haben – unsere Zeit – vor der Glotze zu verbringen, können wir Beschäftigungen nachgehen, in denen mehr Sinne als nur der Sehsinn angesprochen werden.

Solche Erfahrungen bleiben Kindern viel besser im Gedächtnis. Tätigkeiten wie Herumtoben, freies Spielen, Basteln, Malen, Kochen usw. bereiten ihnen Freude und fördern die Motorik, die Kreativität und das soziale Denken. So stärken wir unsere Kinder für die Zukunft und damit ihre Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien.

Gemeinschaftliches Spiel mit Schwungtuch

Gemeinschaftliches Spiel mit Schwungtuch

Ein besonders guter Ersatz fürs passive Fernsehen ist das aktive Lesen oder Vorlesen: Hier kann das Gehirn arbeiten. Es muss den Sinn des Gelesenen erfassen und mithilfe der Phantasie ein Bild, eine Szenerie dazu erzeugen. Es „erschafft“ etwas. Die schöpferischen Fähigkeiten der Menschen sind ein Schlüssel zu Glück und Erfolg.

Selbstbestimmung statt Abhängigkeit

Der verantwortungsvolle Umgang mit einem Fernseher ist schwierig, weil das Programm, das über Kabel und Satellit auf den heimischen Bildschirm übertragen wird, fremdbestimmt ist. Anders sieht es aus, wenn der Fernseher ausschließlich für DVDs, Blu-Rays und Streaming-Dienste genutzt wird und Filme selbst ausgewählt werden. Wir haben auch schon den einen oder anderen, handverlesenen Film oder Ausschnitte davon mit unserer Ältesten zusammen geschaut. Das lässt sich jedoch an zwei Händen abzählen:

  • Die wilden Hühner
  • Die wilden Hühner und die Liebe
  • Wildes Deutschland
  • Versprochen ist versprochen
  • Im Reich der Affen
  • Die Eiskönigin

Die Eiskönigin hatte entsprechend heftige „Nachwirkungen“. So spielten unsere Kinder ständig Anna und Elsa, zauberten fantastische Eisgebilde, sangen den ganzen Tag die Lieder in mehreren Sprachen aus dem Film und es verging keine Autofahrt ohne den Wunsch nach „Elsamusik“. Selbst ich kenne die zugegebenermaßen eingängigen und rührenden Musikstücke schon auswendig. Glücklicherweise verlangen unsere Kinder nicht nach dem ganzen Spielzeug, das irgendetwas mit den beiden Schwestern aus Arendelle zu tun hat.

Wir reden miteinander über das in den Filmen Gezeigte und erklären das Gesehene, wenn nötig. Nichtsdestotrotz bin ich der Ansicht, dass ein Film immer etwas Besonderes bleiben sollte – wie ein Kinobesuch.

Wenn das Kind sich’s Smartphone schnappt

Es gibt durchaus Sendungen, die den Erfahrungen, dem Interesse und der Entwicklung von Kindern entsprechen. Unsere Große begeistert sich zum Beispiel seit der Entbindung ihrer Schwester für Geburten und den Berufsstand der Hebammen.

Die Wissenssendungen von Planet Schule oder mitgefilmte Hausgeburten auf Youtube, die wir gemeinsam schauen, vertiefen das Verständnis für die Abläufe vor, während und nach der Geburt eines Kindes.

Unsere Große hat bei uns gesehen, wie wir das Smartphone bedienen. Sie schnappt sich mit Vorliebe Evelins Handy und weiß schon genau, wem sie Text- und Smiley-Nachrichten schreiben kann, wie sie der Omi eine Sprachnachricht aufnimmt oder wie man Youtube aufruft. Sie weiß, wie sie die Suchleiste zu bedienen hat und den gewünschten Videoclip zum Abspielen zwingt.

homebirth

Kann man aus Buchstaben legen oder auch tippen: „Homebirth“

„Homebirth“ kann sie schon genauso in die Suchleiste eintippen wie „Anna, Elsa, Sven und Olaf“. Unser Kind schaut auf Youtube also selbständig „Frozen“-Clips (auf allen möglichen Fremdsprachen) oder andere, zusammenhängende, kleine Geschichten an, die den Humor ansprechen. Das sind zum Beispiel Simons Cat, Peppa Pig auf Englisch oder die Zwischenszenen aus der „Sendung mit der Maus“.

Ihren Smartphone-Konsum finden wir zum Teil etwas prekär, vor allem, wenn wir eben mal nicht wissen, was sie – oft zusammen mit ihrer jüngeren Schwester – schaut. Dann begrenzen wir die Zeit, die sie damit verbringt und unterbreiten ihr unterschiedliche Angebote, was sie anstelle des Youtube-Schauens tun könnte. In der Regel findet sich schnell etwas Spannenderes.

Wenn euch dafür alltagstaugliche Ideen fehlen, findet ihr in unserem Beitrag 10 Tipps zur Minimierung der Bildschirmzeit.

Bei Youtube schauen wir besonders auf die Vorschläge weiterer Clips, weil dort auch etwas Gruseliges oder Verstörendes auftauchen kann. Der „eingeschränkte Modus“ kann einen Teil solcher Inhalte herausfiltern; in beaufsichtigten Kinderkonten lässt sich außerdem Autoplay deaktivieren. Beides ist für uns technische Unterstützung. Von unbeaufsichtigtem Medienkonsum halte ich nichts. Für uns heißt Verantwortung, das Kind mit dem Gesehenen zu begleiten. Es kann passieren, dass etwas Unvorhersehbares gezeigt wird, bei dessen Verarbeitung das Kind unsere Hilfe braucht.

Wenn sich unsere Kinder private Handyfilme und -fotos anschauen, um in Erinnerungen zu schwelgen, sehe ich das unproblematisch. Es ist zwar nicht dasselbe wie ein „altmodisches“ Fotoalbum, das man anfassen kann, kommt dem aber schon recht nah.

Große Sprachmodelle: Wenn ein Chatbot wie ein Gesprächspartner wirkt

Zu Sprachassistenten sind inzwischen KI-Chatbots gekommen. Das Besondere daran: Sie antworten in ganzen Sätzen, reagieren auf Nachfragen und können dabei erstaunlich sicher klingen. Für Kinder fühlt sich das schnell eher nach Gespräch als nach Suchmaschine an.

Was ist ein großes Sprachmodell?

Sehr verkürzt gesagt: Ein großes Sprachmodell verarbeitet Text in kleinen Einheiten und berechnet beim Erzeugen einer Antwort jeweils eine passende Fortsetzung. Der GPT-4 Technical Report beschreibt GPT-4 zum Beispiel als Transformer-Modell, das auf die Vorhersage des nächsten Tokens vortrainiert wurde. Daraus können sehr hilfreiche Antworten entstehen. Ebenso kann dabei überzeugend formulierter Unsinn herauskommen.

Für ein Gespräch mit Kindern gefällt mir deshalb ein viel kürzerer Satz besser: „Das Ding kann gut reden und trotzdem danebenliegen.“

Warum wir bei Kindern genauer hinschauen würden

Die Forschung zu Kindern und generativer KI ist noch jung. Sunyoung Oh und Kolleg:innen beobachteten 2025 in einer zweiwöchigen Studie, wie Kinder zu Hause Informationen bei einer KI suchten. Die Kinder vertrauten den KI-Antworten im Allgemeinen, prüften und hinterfragten sie aber zum Teil ebenfalls. Oh et al., CHI 2025.

Genau diese Mischung finde ich spannend: Ein Chatbot kann neugierige Fragen aufnehmen, ohne müde zu werden. Gleichzeitig klingt eine flüssige Antwort schnell verlässlicher, als sie sein muss. Für uns wäre das ein guter Grund, solche Gespräche zunächst gemeinsam zu führen und bei wichtigen Fragen die Quelle hinter der Antwort anzuschauen.

Wie wir KI in der Familie einordnen würden

Für uns wären KI-Chatbots Werkzeuge, die wir gemeinsam benutzen würden. Bei Hausaufgaben könnte so ein System zum Beispiel eine Erklärung anders formulieren, eine Verständnisfrage stellen oder beim Suchen nach einem Denkfehler helfen. Die fertige Antwort wäre dabei der uninteressanteste Teil. Spannender ist, ob das Kind den Weg versteht und selbst weiterdenken kann.

Bei privaten Daten wären wir zurückhaltend. Namen, Adressen, Gesundheitsdaten und andere persönliche Dinge würden wir nur dann in einen Chat schreiben, wenn wir genau wissen, wofür sie dort gebraucht werden und was mit ihnen geschieht. Mehr zu unserem eigenen Umgang mit solchen Systemen steht in unserer KI-Disclosure.

Wenn digitale Medien unsere Kinder „erziehen“

Da wir höchstens Netflix, Youtube oder einen Film auf DVD schauen, und beim Surfen im Netz Adblocker verwenden, vermeiden wir glücklicherweise einen Großteil der Werbung.

Beim klassischen Fernsehprogramm kann man der Werbung nicht entfliehen. Das Fernsehen ist ein großer Wirtschaftssektor. Es geht vor allem um Zuschauerzahlen, Konsum und Besitz, nicht um die Belange der Kinder. Sie sollen als Konsument:innen gewonnen werden – ohne Rücksicht auf die Auswirkungen, die dieser Konsum auf die Umwelt und unsere Mitlebewesen hat.

Ich bin überhaupt nicht begeistert, wenn ihnen eingeredet wird, dass sie dieses Plastik-Spielzeug oder jene zuckerhaltigen Süßigkeiten unbedingt bräuchten, damit sie glücklich oder bei ihren Freund:innen „angesagt“ sind.

Unsere Kinder sollen ihr Glück nicht in der Befriedigung ihrer durch Werbung erzeugten, materiellen Ansprüche finden müssen. Zum Glück haben unsere Großen schon ein gewisses Bewusstsein und eine bemerkenswerte Weitsicht, wenn es um den ganzen Kunststoff-Plunder geht, der in den Geschäften zum Kauf angeboten wird und den eigentlich kein Mensch braucht.

Ein weiteres Problem sehe ich im erzieherischen Einfluss, den manche Filme oder Sendungen auf Kinder haben. In anderen wiederum wird ihnen (und auch Erwachsenen) ein Bild von der Welt und ein Ideal des gesellschaftlichen Zusammenlebens vermittelt, die in der Realität so nicht existieren.

Wann es sinnvoll ist, ein Kind mit digitalen Medien vertraut zu machen

Bei Kleinkindern möchten wir der Versuchung widerstehen, sie mit elektronischen Medien zu beschäftigen. Für uns fühlt es sich nicht gut an, Kinder vor dem Fernseher, dem PC oder dem Tablet zu „parken“, damit wir Eltern unseren Angelegenheiten nachgehen können.

Auch wenn es sich nicht immer vermeiden lässt, bin ich der Meinung, dass Kinder im Vorschulalter noch keinen Zugang zur digitalen Welt benötigen, weil ich für die Jüngsten in unserem Alltag keinen Nutzen sehe, der das aufwiegt. Selbst Filme, die mit FSK 0 eingestuft sind, sehe ich deshalb als ungeeignet für Kleinkinder an.

Die Forschung zeichnet bei kleinen Kindern ein differenzierteres Bild, als eine reine Minutenrechnung vermuten lässt. Die Meta-Analyse von Mallawaarachchi und Kolleg:innen fand bei Kindern unter sechs Jahren Zusammenhänge mit Inhalt, Art und sozialem Kontext der Bildschirmnutzung; gemeinsames Anschauen oder Nutzen mit einer Bezugsperson hing mit günstigeren kognitiven Ergebnissen zusammen. Mallawaarachchi et al., JAMA Pediatrics (2024). Die deutsche S2k-Leitlinie setzt als konsensbasierte Orientierung trotzdem sehr niedrige Zeitwerte an: unter drei Jahren keine aktive oder passive Bildschirmnutzung, zwischen drei und sechs Jahren höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen und mit anwesenden Eltern, zwischen sechs und neun Jahren 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen. AWMF-Registernummer 027-075, S. 3.

Kratzbild selber machen

Kratzbilder basteln

Für uns reicht es vollkommen, wenn unsere Kinder im „Schulalter“ mit digitalen Medien in Kontakt kommen und sie diese als Werkzeuge kennenlernen, um Probleme zu lösen und sich selbst zu bilden. GCompris ist zum Beispiel eine empfehlenswerte, spielerisch umgesetzte Lernsoftware für Kinder, die schon lesen können. Unsere Große verwendet ab und zu einen alten, ausrangierten Laptop von mir, auf dem sie „spielt“ – heißt: Rechen- und Logikrätsel lösen, „Experimente“ durchführen, Lesen und Tastaturschreiben lernen usw.

Für mich läuft es im Grunde auf vier Dinge hinaus:

  1. uns unserer Verantwortung bewusst sein,
  2. die Gefahren und Probleme der digitalen Medien (er-)kennen,
  3. unseren Kindern viel Raum fürs freie Spielen geben – auch draußen in der Natur – und, vor allem,
  4. miteinander im Gespräch bleiben.

Kinder auf die digitale Zukunft vorzubereiten heißt für mich deshalb vor allem, ihnen Technik zugänglich zu machen und sie dabei zu begleiten. Sie dürfen erleben, dass ein Bildschirm Werkzeug, Unterhaltung und manchmal auch Zeitfresser sein kann. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam merken, was gerade gut tut und was anderes verdrängt.

FAQ

Ist Fernsehen per se „schädlich“?

Alter, Dauer, Inhalt und Begleitung verändern viel. Die Forschung findet bei Kindern Zusammenhänge zwischen bestimmten Formen der Bildschirmnutzung und ungünstigen Ergebnissen, zugleich unterscheiden sich die Befunde je nach Kontext. Eine 2026 veröffentlichte Auswertung einer schottischen Geburtskohorte mit 3.786 Kindern fand nach Berücksichtigung wichtiger Einflussfaktoren keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der gesamten Bildschirmzeit im Alter von fünf Jahren und psychosozialen Schwierigkeiten im Alter von fünf oder zehn Jahren. McQuaid et al., JAMA Network Open (2026). Für mich passt das zu den neueren Befunden zum Nutzungskontext: Die Dauer ist nur ein Teil der Geschichte.

Was heißt „zu viel“ Bildschirmzeit?

Minutenwerte können dabei nur eine grobe Orientierung sein. Die deutsche S2k-Leitlinie nennt unter drei Jahren keine Bildschirmnutzung, von drei bis sechs Jahren höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen mit anwesenden Eltern und von sechs bis neun Jahren 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen. Die Leitlinie beruht auf einem S2k-Konsens und ist bis 14. Juli 2028 gültig. Im Alltag schauen wir zusätzlich darauf, ob Medien Schlaf, Bewegung, freies Spiel, Gespräche oder andere Interessen verdrängen. AWMF-Registernummer 027-075.

Sind Youtube und Streaming „besser“ als lineares Fernsehen?

Sie geben uns mehr Auswahl: Wir können einen bestimmten Film oder Clip aussuchen und danach aufhören. Gleichzeitig führen Autoplay, Vorschläge und endlose Feeds sehr leicht zum nächsten Inhalt. Für uns macht deshalb die Art der Nutzung den größeren Unterschied als der Name der Plattform.

Was sind bei euch die besten Alternativen zur Glotze?

Herumtoben, freies Spielen, Basteln, Malen, Kochen, Lesen und Vorlesen. Meist braucht es dafür keinen ausgefeilten Plan. Bei uns reicht oft etwas, das schon sichtbar herumliegt und wieder Lust auf echtes Tun macht.

Was ist ein großes Sprachmodell in einem Satz?

Ein großes Sprachmodell erzeugt Sprache, indem es aus dem bisherigen Kontext passende nächste Textbausteine berechnet – sehr flüssig und mit der Möglichkeit, dabei auch überzeugend falsch zu liegen. Der GPT-4 Technical Report beschreibt dieses Prinzip für GPT-4 als Vorhersage des nächsten Tokens.

Wie würden wir KI bei Hausaufgaben begleiten?

Für uns wäre der Chatbot eher Gesprächspartner für einen Gedankengang als Lieferant der fertigen Lösung: erklären lassen, Rückfragen stellen, Quellen ansehen und danach prüfen, ob der eigene Kopf noch mitkommt. Genau da liegt für mich der Unterschied zwischen Hilfe und Autopilot.

Was hilft bei Streit um die Smartphone-Nutzung?

Bei uns funktioniert am ehesten eine ruhige Begrenzung zusammen mit einem echten anderen Angebot. Der Konflikt verschwindet dadurch nicht jedes Mal sofort, aber das Kind steht dann nicht einfach vor einem weggenommenen Gerät und einer Leerstelle. Mehr Ideen dazu findet ihr in 10 Tipps zur Minimierung der Bildschirmzeit.

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Dieser Blogpost entstand im Rahmen der Blogparade „Vertrauen und Kontrolle in der Medienerziehung“ auf schau-hin.info. In den sozialen Netzwerken findet ihr weitere Beiträge zum Thema unter dem Hashtag #medienmomente.

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