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Aktualisiert am 14.08.2026

Liebe Freund:innen,

wie viele von euch wissen, wurde unsere Älteste aus freiem Wunsch zum Schulkind. „Unschooling“ war gestern, „Schule testen“ ist heute. Das sorgte für Aufregung. Schließlich passt das gar nicht zu unserem krassen Lebensstil. Deshalb gebe ich all meine Tricks preis, wie wir hoffentlich bald wieder ungewaschen, nackt und ungezähmt in den Tag hineinleben können. Zu kurz soll auch nicht kommen, wie ich den Lehrkräften das Leben zur Hölle mache. Aber fangen wir zunächst mit dem Wichtigsten an: Wie schaffe ich es, meinem Kind den Spaß an der Schule zu verderben?(1)

Einschulung und die ersten Schultage

Die feierliche Einschulung war trotz Abstands- und Maskenregeln recht locker. In ihrer Rede betonte die Direktorin, jedes Kind sei wertvoll und einzigartig. Ein gemeinsamer Nenner – das ist doch was!

Ein Kind trägt stolz eine Weltraum-Zuckertüte nach Hause

Voller Stolz trägt unser Kind die große Weltraum-Zuckertüte nach Hause. Sie mochte das „Kribbeln im Bauch“.

Die ersten Schultage beschrieb meine Tochter so:

  • Erster Tag: „Ganz wunderbar!“
  • Zweiter Tag: „Schön.“
  • Dritter Tag: „Langweilig.“
  • Vierter Tag: „Morgen habe ich aber keine Lust mehr.“

Nun, auch wenn es mir manch einer gern unterstellt: Ich habe ihr nichts aus- oder eingeredet. Betrachten wir uns den Erziehungsaspekt kurz philosophisch: Meine Tochter ist sieben Jahre alt. Nicht wenige sehen in ihr ein „Kind“, das als solches Führung bedarf. Ich sehe sie als jungen Menschen, der nicht manipuliert werden darf. Ich will ihr nicht sagen, was sie tun oder lassen soll. Meiner Verantwortung bin ich mir deshalb nicht weniger bewusst. Aber ich unterstütze sie bei ihren Entscheidungen.

In den letzten Jahren gestalteten wir unser Familienleben sehr frei. Und auch das Lernen ohne Schule war uns offiziell möglich. Ich beobachtete meine Kinder und tauchte tief in das Thema „selbstbestimmtes Lernen“ ein. Und mir wurde klar, wie und wieso die Bildung ohne Schule nachhaltig gelingen kann.

Kommt meine Tochter mit strahlenden Augen aus der Schule, freue ich mich mit ihr. Bedrückt sie etwas, nehmen wir Eltern sie ernst. Als sie postulierte: „Ich habe keine Lust mehr“, schauten wir uns zusammen den Stundenplan an. Es standen noch einige Fächer an, die sie gern ausprobieren wollte. Und da war sie plötzlich wieder da: die Lust aufs zeitige Aufstehen, auf neue Menschen, „Lern-Materialien“ und Erlebnisse in der Schule. Die Freude daran ist ihre Motivation.

Die Bedeutung der Lehrkräfte für die Freude an der Schule

Besonders freute sich unsere Große auf den Schulsport. Doch nach der ersten Stunde war sie bitter enttäuscht. Corona-Hygiene-Maßnahmen schreiben die Desinfektion des Treppengeländers und der Hände der Schüler:innen vor. „Das stiebt. Da müssen wir husten und es brennt auf meiner Haut“, klagt unsere Große. Zudem beschrieb sie die Lehrerin als unhöflich, sie würde „bestimmen und nicht bitten“.

Tags darauf war unser Mädchen nicht zur Schule zu bewegen. Patrick griff zum Telefon. Die Klassenlehrerin am anderen Ende der Leitung versicherte unserem Mädchen, sie hätte sich viele tolle Sachen für den heutigen Tag ausgedacht und würde sich so auf sie freuen. Es klang so lieb und ehrlich, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Auch unsere Tochter ließ sich überzeugen.

Im Anschluss gab es eine Rücksprache mit der Direktorin: Ein biologisches Mittel zur Desinfektion, das der Gesundheit nicht schadet? Kein Problem, das können wir einfach mitgeben. Und der harsche Ton der sonst sehr freundlichen Sportlehrerin rühre vom Zeitdruck, der nun wegen der Corona-Maßnahmen in der Turnhalle herrsche. Nach dem nächsten Unterricht mit besagter Lehrerin hatte wohl kein Kind mehr etwas zu beanstanden.

Foto mit dem Text: Wir ... als Klassengemeinschaft.

In den letzten zwei Jahren hat sich einiges getan …

Es scheint, als sei die Klassenlehrerin ein echter Glücksgriff. Denn sie unterrichtete bereits an freien Schulen, ist selbst „kinderreich“ und pflegt mit ihren Erstklässler:innen einen höflichen und hilfsbereiten Umgang. Außerdem ist sie Vegetarierin, findet Gerald Hüthers Arbeit gut und einer ihrer Söhne hat die Schule nur selten von innen gesehen. Heute studiert er Medizin. Es ist schön, wenn Lehrkräfte sich nicht als „Respektspersonen“ verstehen, sondern eher als erwachsene Freund:innen und Mentor:innen der Kinder.

Klassenzimmer als Lernort, Spielwiese und Wohlfühlzone

Das Klassenzimmer als Lernort, Spielwiese und Wohlfühlzone 🙂

Warum die Beziehung zur Lehrkraft so viel ausmachen kann

Was wir in diesen ersten Tagen erlebt haben, lässt sich vorsichtig in ein größeres Bild einordnen. Debora Roorda und Kolleg:innen werteten 99 Studien von der Vorschule bis zur weiterführenden Schule aus. Positive und negative Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler:innen hingen darin mit schulischem Engagement und Leistung zusammen; die Zusammenhänge mit dem Engagement waren stärker. DOI: 10.3102/0034654311421793.

In einer älteren Längsschnittstudie begleiteten Ellen Skinner und Michael Belmont 144 Kinder der Klassen 3 bis 5 und 14 Lehrkräfte über ein Schuljahr. Persönliche Zuwendung, Struktur und Autonomieunterstützung der Lehrkräfte sowie das Engagement der Kinder zeigten wechselseitige Zusammenhänge im Zeitverlauf. Untersucht wurden Dritt- bis Fünftklässler:innen; für unsere Erstklässlerin ist das deshalb nur eine vorsichtige Einordnung. DOI: 10.1037/0022-0663.85.4.571.

Bei unserer Tochter war der Ton jedenfalls sofort spürbar. Für unseren Einzelfall reicht mir diese Einordnung.

Hochsensibilität, Neugier und Begeisterung

Die Hochsensibilität unseres Schulkindes zeigt sich im haargenauen Beobachten: Wer erzählt was? Welche Lehrkräfte loben in welcher Stimmlage? Wem könnte sie helfen? Wen soll sie trösten? Wer hat sein Heft vergessen? … Ihre Reflexion teilt sie oft am späten Nachmittag oder vor dem Einschlafen mit uns.

Namen ihrer Mitschüler:innen kennt sie kaum, aber sie mag alle. Es ginge ruhig zu, auch in den Pausen. Nur in den Hofpausen tobt unsere Tochter gern mit den ihr bekannten Jungen und Mädchen der höheren Klassen.

Ausmalen, Buchstaben verbinden und Zahlen nachziehen – das macht ihr keine rechte Freude. Aber das Fach Musik findet sie toll. Gäbe es Einblicke in die Astronomie und in die menschliche Anatomie – und würde das Wissen der Hebammen auf dem Lehrplan stehen oder das Spiel eines Instruments – ja, DAS wäre es! So etwas würde unsere Siebenjährige begeistern.

Was wir heute mit Unschooling meinen, haben wir später ausführlicher gesammelt: Was ist Unschooling? Selbstbestimmtes Lernen verständlich erklärt.

FAQ: Schule nach Unschooling testen

Ist „Schule testen“ nach Unschooling ein Widerspruch?

Für uns war es eher die nächste freie Entscheidung unserer Tochter. Sie wollte Schule kennenlernen. Also bekam dieser Wunsch Raum. Das Etikett war für uns zweitrangig. Wichtiger war, was sie dort selbst erlebte und wie sie darüber sprach.

Was haben wir gemacht, als sie nach wenigen Tagen „keine Lust mehr“ hatte?

Wir hörten erst zu und schauten dann gemeinsam auf den Stundenplan. Dort standen noch Fächer, auf die sie neugierig war. Genau das half ihr damals, für sich weiterzuentscheiden. Andere Familien können an derselben Stelle zu einem anderen Weg kommen.

Welche Rolle spielen Lehrkräfte in der Anfangszeit?

Bei uns eine sehr große. Ein liebevoller Anruf der Klassenlehrerin reichte, damit unsere Tochter den nächsten Tag wieder ausprobieren wollte. Als wir das Problem mit der Desinfektion und dem Ton im Sportunterricht ansprachen, fanden die Erwachsenen eine Lösung, die für sie passte.

Wie können Eltern begleiten, ohne zu manipulieren?

Wir versuchten, erst einmal zu verstehen, was unsere Tochter gerade wollte. Fragen halfen uns dabei mehr als Überreden. Manchmal bedeutete Begleitung auch, ein „Keine Lust mehr“ stehen zu lassen, bis sie selbst genauer sagen konnte, was dahinterlag.

Was, wenn Abläufe in der Schule ein Kind stark belasten?

Bei uns war es die Desinfektion. Wir sprachen zuerst mit der Klassenlehrerin und anschließend mit der Direktorin. Schon die Erfahrung, dass die Erwachsenen ihr Problem ernst nahmen und etwas veränderten, machte für unsere Tochter einen Unterschied.

Wie lange wollte unsere Tochter die Schule testen?

Sie setzte sich selbst den Rahmen „bis Weihnachten“. Für sie war das damals überschaubar und offen genug. Ob ein solcher Zeitraum für ein anderes Kind passt, hängt von dessen Situation und Wunsch ab.

Wo findet ihr mehr zu Schulpflicht, An- und Abmeldung?

Unsere Erfahrungen und die später ergänzte rechtliche Einordnung stehen im Beitrag Anmeldung, Abmeldung & Befreiung von der Schulpflicht. Schulrecht hängt in Deutschland vom Bundesland und von der konkreten Situation ab; der verlinkte Beitrag trennt unsere damalige Geschichte von der aktuellen Einordnung.

Und nun?

Unser Mädchen meint, „bis Weihnachten“ wolle sie noch zur Schule gehen.

Und was ist mit mir? Nun, eigentlich habe ich Hunderte von Hummeln im Hintern. Ein Mediziner würde mir bestimmt die Diagnose „Fernweh“ stellen.

Schildkröte chillt an einem Brunnen in Šibenik, Kroatien

Das Reisen war so schön und entspannt. Hier: eine kroatische Chill-dkröte 😉

Doch vielleicht sollte ich nun doch mal unsere Koffer auspacken? Bei der Gelegenheit könnte ich auch das Zelt abbauen und uns für eine feste Wohnung bewerben. Unser „Test-Leben“ in Garten und Wohnung meiner Eltern ist schließlich keine Dauerlösung.

Vielleicht widme ich mich dann bald in einer eigenen Dreckhöhle einem Text über meine treibende Kraft als Schulgegnerin und Tunichtgut.(1)

Auf bald, eure Evelin

(1) = Ironie. Man muss das Leben ja nicht immer so ernst nehmen. 🙂

CC BY-SA 4.0 Schule statt Freilernen – ein erstes Resümee von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.