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Aktualisiert am: 15 August 2026
Liebe Freunde der Harmonie und des familiären Friedens,
mit vier Kindern in einem Haushalt zu leben, ohne dass ständig die Fetzen fliegen, kann herausfordernd sein. Kennt ihr diese Tage, an denen sich die Kinder gefühlt von früh bis spät in den Haaren liegen? Bei uns gibt es sie reichlich. Und trotzdem gibt es zwischen all dem Zank und Krach einen Zusammenhalt, der mich immer wieder überrascht.
Kurz gesagt: Was unsere Kinder am zuverlässigsten wieder zusammenbringt, sind gemeinsame Aufgaben und Erlebnisse, bei denen keiner gegen den anderen gewinnen muss. Etwas zusammen machen. Sich helfen. Gemeinsam irgendwo hingehen, wo man allein lieber nicht hinmöchte. Der Geschwisterstreit verschwindet dadurch nicht. Aber die Kinder erleben einander zwischendurch wieder als jemanden, mit dem etwas leichter geht.
Geschwisterstreit: Bei uns brennt die Luft
Unsere beiden großen Mädchen waren damals sieben und neun Jahre alt. Im letzten halben Jahr waren sie sichtlich gewachsen. Und mit ihnen ihr Repertoire an Schimpfwörtern. Klar, ich kenne Familien, in denen die Kinder ausgesprochen freundschaftlich miteinander umgehen. Doch Sätze wie: „Liebe Schwester, ich bin mit deiner Art zu spielen nicht einverstanden. Können wir uns auf etwas anderes einigen?“, brachten meine Kinder damals nur selten über die Lippen.
Wir gehören auch nicht zu den Eltern, die immer cool bleiben. Auch wir tragen unser eigenes „Elendspäckchen Kindheit“ mit uns herum. Wenn mehrere Kinder gleichzeitig etwas von uns wollen, einer sich benachteiligt fühlt und die andere gerade genau das Spielzeug braucht, das vorher eine halbe Stunde niemanden interessiert hat, machen sie – kurzum – tüchtig Krach.
Streit allein sagt allerdings noch nicht besonders viel über die Qualität einer Geschwisterbeziehung aus. Buist, Deković und Prinzie werteten für eine Meta-Analyse 34 Studien mit insgesamt 12.257 Kindern und Jugendlichen aus. Mehr Wärme, weniger Konflikt und weniger unterschiedliche Behandlung zwischen Geschwistern waren jeweils mit weniger internalisierenden und externalisierenden Problemen verbunden. Die Studie zählt also keine Streitminuten, sondern betrachtet verschiedene Seiten der Geschwisterbeziehung.
Auch Dirks, Persram, Recchia und Howe beschreiben Geschwisterbeziehungen als einen ziemlich besonderen Ort: Da können viel Nähe und Wärme sein – und zugleich heftige Konflikte. Die Autor:innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass Forschung gewöhnlichen Geschwisterkonflikt besser von problematischen Formen unterscheiden muss. Lautstärke allein ist dafür jedenfalls ein ziemlich grobes Maß.
Falls euch Aggression unter jüngeren Geschwistern gerade besonders beschäftigt, findet ihr bei uns auch einen Beitrag darüber, was hinter Aggression bei Kleinkindern stecken kann.
Was Geschwisterliebe bei uns fördert: gemeinsame Aufgaben
Damals passierte etwas, das ich euch nicht vorenthalten wollte. Was meine beiden Töchter – und natürlich auch die zwei kleinen Jungs – immer wieder zusammenschweißt, sind gemeinsame Aufgaben. Keine Verpflichtungen wie Haushalt oder Schulkram. Ich meine solche Herausforderungen, die sie sich meistens selbst aussuchen und denen sie sich gemeinsam stellen.
Die Kinder gestalten Valentinskarten
Zu dieser Zeit lasen wir die Bücher über die Kinder vom Möwenweg von Kirsten Boie, damals die Lieblingsautorin unserer Großen. In einer Geschichte bastelten die vier Freundinnen Valentinskarten für Freunde, Geschwister, Eltern und Nachbarn. Diese freundliche Geste nahmen sich meine beiden großen Ober-Streithammel zum Vorbild. Sie suchten ihr Briefpapier zusammen und schrieben los.
Meine siebenjährige Tochter hatte eine Vorliebe für verschnörkelte Schreibschrift. Die Ältere bevorzugte die Druckschrift, seit sie die Schule „ausprobiert“ hatte. Jedenfalls saßen die beiden Mädchen stundenlang friedlich und ausdauernd nebeneinander, schrieben und halfen sich gegenseitig. Sie fragten einander um Rat, wollten die Meinung der anderen hören und sagten sich, wie hübsch eine Karte geworden sei und wie sehr sich der Empfänger wohl darüber freuen würde.
Wer Valentinspost bekommt – und warum
Die Post ging nicht nur an Freunde und Familienangehörige. Auch ein paar Nachbarn bekamen Zeilen. Zum Beispiel eine Frau, die bei Wind und Wetter ihre Babys ausfährt.
Dann gab es Nachbarn, über die sich unsere Kinder zuvor tüchtig geärgert hatten. Für den Bau ihres Hauses waren zwölf große, dicke Bäume mit zahlreichen Vogelnestern gefällt worden. Logisch, dass das unsere kleinen Naturliebhaber traurig machte. Trotzdem überlegten sie, was sie den Nachbarn – die übrigens sehr nett sind – schreiben könnten. Sie entschieden sich für: „Euer Haus ist das Schönste auf der ganzen Straße.“
Und dann war da noch eine Karte an eine mächtige Fichte: „Lieber Baum, ich mag dich so. Ich hoffe, du wirst nie gefällt!“

Valentinskarten unserer Kinder – für Freunde, Verwandte und Nachbarn

Stolz hält unsere jüngere Tochter die Valentinskarten, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester gebastelt hat, in die Kamera
Die beiden hatten sich nicht vorgenommen, an diesem Nachmittag besonders geschwisterlich miteinander umzugehen. Sie wollten Karten schreiben. Und währenddessen saßen zwei Kinder nebeneinander, die sich sonst ziemlich zuverlässig in die Haare geraten konnten, halfen sich und hatten gemeinsam etwas vor.
Zusammen fühlen sich Geschwister sicherer
An einem anderen Tag brauchte unsere Große dringend neue Socken. Sie ging in ein Bekleidungsgeschäft, während ich vor der Tür wartete. Ihre Augen verrieten mir, dass ihr mulmig zumute war. Socken in der richtigen Größe in einer Wühlkiste zu finden, ist für Erwachsene manchmal schon eine Herausforderung. Wie schweißtreibend musste das erst für eine Neunjährige sein?
Mit ängstlicher Stimme fragte unsere Große ihre Schwester, ob sie mitkäme. „Ja klar!“, antwortete diese. Ich sah, wie ihr ein schwerer Stein vom Herzen fiel.
Die Wühlkiste war natürlich immer noch dieselbe. Aber mit ihrer Schwester an der Seite sah die Sache offenbar schon anders aus.
Gesellschaftsspiele: Spielen verbindet nicht automatisch
Wir haben ein Regal voller Brett- und Gesellschaftsspiele. Nein, keine Sammlung aus Mandalakärtchen und Yogatüchern, sondern ziemlich normale Spiele. Bei manchen davon merken wir allerdings schnell, wie sehr die Stimmung davon abhängt, was die Kinder aus Gewinnen und Verlieren machen. Sobald einer ausgelacht, ständig verglichen oder als „schlecht“ abgestempelt wird, macht das Spiel bei uns jedenfalls deutlich weniger Spaß.
Die Forschung liefert dafür kein einfaches „kooperativ gut, Wettbewerb schlecht“. Eriksson, Kenward, Poom und Stenberg ließen 65 Kinder zwischen vier und sechs Jahren über sechs Wochen entweder kooperative oder kompetitive Brettspiele spielen. Anschließend fanden sie zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede beim beobachteten kooperativen, prosozialen oder antisozialen Verhalten. Die Kinder hatten allerdings mehr Freude an den kooperativen Spielen. Beim gemessenen Konkurrenzverhalten gab es einen möglichen Unterschied zugunsten stärkerer Konkurrenz nach Wettbewerbsspielen; gerade dieses Maß stuften die Forschenden jedoch als unzuverlässig ein.
Für unseren Familienalltag heißt das: Wir müssen UNO und Co. nicht aus dem Haus verbannen. Manchmal verändern unsere Kinder oder wir einfach die Regeln so, dass das gemeinsame Spielen im Vordergrund bleibt:
- Memory spielen wir so, dass es einen gemeinsamen Stapel für alle aufgedeckten Paare gibt.
- Bei Tempo, kleine Schnecke! wählt sich niemand eine bestimmte Farbe. Wir würfeln reihum und bewegen gemeinsam die Schnecke, deren Farbe gewürfelt wurde, Richtung Salat.
- UNO spielen unsere Kinder häufig so, dass nach der letzten Karte noch eine Wunschkarte gezogen werden darf. Schluss ist meistens erst, wenn sie keine Lust mehr haben.
Auch Dinge ohne feste Gewinnerrolle sind bei unseren Kindern beliebt: Jongliertücher, Schwungbänder, Muggelsteinchen, Gummitwist und Bauhölzer zum Beispiel. Daraus wird ein Eisladen, eine Bude oder irgendetwas, für das Erwachsene vermutlich erst noch eine passende Kategorie erfinden müssten.

Die jüngere Tochter spielt zusammen mit ihren Brüdern Eisladen – mit bunten Tüchern
Falls ihr dazu weiterdenken wollt, findet ihr bei uns auch einen Beitrag über sinnvolle Spielsachen für anspruchsvolle Kinder.
Was unsere Kinder lieber zu zweit als allein tun
Als wir damals vorm Schlafengehen darüber sprachen, fragten wir unsere beiden Töchter, was sie eigentlich lieber zu zweit als allein machen. Ihre Antworten waren ziemlich unspektakulär:
- das Pflegebett der Uroma „ausprobieren“ (hoch, runter, kippen usw. – ihr glaubt gar nicht, wie viel Spaß sie dabei haben!)
- „Erledigungen“: zur Post, zur Apotheke oder zur Bäckerei gehen
- eine Obsttorte belegen
- Briefe austragen
- sich gegenseitig schminken oder frisieren
- in einem Zelt spielen
- spazieren gehen, Inliner fahren und ihre Puppen umherkutschieren
- bei den Nachbarn klingeln
- jemanden besuchen
- Rollenspiele spielen, bei denen es keinen höheren oder niedrigeren Rang und keinen Bestimmer gibt – zum Beispiel „Freundinnen“ spielen oder Plüschtierhunde ausführen
- Badewannenzeit (Unsere Töchter haben eine selbst eingeführte Regel: „Kein Streit in der Badewanne!“ Diese Vereinbarung ist ihnen seit fünf Jahren heilig. Es liegt wohl daran, dass keiner nassgespritzt werden möchte. Unsere Jungs sehen das anders. Aber sie mögen es bisher generell wilder.)
Keines davon ist ein großes Geschwisterprojekt. Es sind ganz normale Dinge, die ohnehin zu ihrem Alltag gehören – nur eben lieber gemeinsam.

So sieht es aus, wenn die verkleideten Geschwister mit Puppen und Katze spazieren gehen
Geschwisterliebe heißt nicht Dauerharmonie
Selbst wenn wir uns als Eltern manchmal über den Geschwisterstreit mokieren: Wir sind froh und vor allem stolz, dass unsere Kinder im Ernstfall zusammenhalten wie Pech und Schwefel.
Das merken wir vor allem dann, wenn einem der Geschwisterkinder etwas passiert. Wenn sich jemand verletzt oder ins Krankenhaus muss. Wenn jemand anderes eines der Kinder ärgert. Oder wenn nur ein Kind irgendwo mit hin „soll“. Dann wollen die anderen bei ihrem Geschwister sein, ihm beistehen oder es beschützen. Wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen – selbst wenn sie sich im Alltag gefühlt ständig streiten oder sich zwischendurch auch wehtun.

Unsere Kinder zusammen – ein Bild aus unserem Familienalltag
Gibt es etwas, das eure Kinder zusammenschweißt? Oder denkt ihr, so wie ich an manchen Tagen, darüber nach, euch Ganzkörper-Schutzanzüge für die Kinder zuzulegen? 😉 Ich freue mich auf eure Kommentare!
Weiterlesen bei FreeYourFamily: Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern, Attachment Parenting und beziehungsorientierte Elternschaft und Geschwister auf die Geburt vorbereiten.
Euch allen wünsche ich die nötige Geduld bei „Geschwisterstreitigkeiten“ und die Zeit, um die Momente der Harmonie zu genießen – egal ob am Valentinstag, davor oder danach.
Auf bald, eure Evelin
Quellen
- Buist KL, Deković M, Prinzie P (2013): Sibling relationship quality and psychopathology of children and adolescents: a meta-analysis.
- Dirks MA, Persram R, Recchia HE, Howe N (2015): Sibling relationships as sources of risk and resilience in the development and maintenance of internalizing and externalizing problems during childhood and adolescence.
- Eriksson M, Kenward B, Poom L, Stenberg G (2021): The behavioral effects of cooperative and competitive board games in preschoolers.
Geschwisterliebe: Was Geschwister wirklich zusammenschweißt von FreeYourFamily ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
Ein schöner, wohltuender Beitrag. Danke!
Ein schöner Artikel, liebe Evelin. Bei unseren Großen war der große Bruder fünf Jahre älter und hat von Anfang an nichts auf seine
kleine Schwester kommen lassen. Selbst in der Pubertät hat er sich nur Freunde gesucht, die auch mit seiner kleinen Schwester klar kamen :-). Jetzt ist er 19, und die „kleine“ Schwester etwas enttäuscht, dass da jetzt eine Freundin an ihrer Stelle ist.
Die zwei Kleinen mit zwei Jahren Unterschied sind 3 und 5 und schlagen sich unterdessen immer mal die Köpfe ein. Zwei Jungs sind einfach wilder, aber trotzdem kuscheln sie zusammen, gehen zusammen ins Bett und seit Neuestem selbst zusammen aufs Klo :-). Und wenn was von außen kommt, dann halten sie toll zusammen. Ich finde es das größte Geschenk, so unterschiedliche Persönlichkeiten zusammen aufwachsen und wachsen zu sehen. Da kann man ihnen nur wünschen, dass sie auch erwachsen noch so zusammen halten, was ja leider nicht immer der Fall ist. Das wünsche ich Euch und Eurer Bande auch von Herzen.
Hallo Sabine,
deine Erfahrungen bereichern mich. Ebenso schenken sie mir Kraft, kleine Keilereien oder den wilden Trubel gelassener zu sehen. Mir kommen meine beiden kleinen Jungs oft auch viel wilder vor als meine beiden Mädchen vor ein paar Jahren. Da tut es gut, von anderen tollen Familien zu hören und zu lesen.
Meine Freundin meinte letztens auch: „Evelin, wenn deine Jungs wild und laut sind, sich den ganzen Tag kampeln und gefühlt nie hören – mach dir nichts draus! Ich bin jeden Tag von unzähligen kleinen Jungs umgeben und erlebe sie völlig anders als kleine Mädchen.“ Natürlich stecken wir niemanden in Schubladen. Doch zu hören, dass alle Wesen sein können, wie sie sind, ist wohltuend. Danke dafür!
Für meine Kinder wünsche ich mir auch, dass sie im Erwachsenenalter zusammenhalten. Ich hoffe, dazu beitragen zu können.
Herzensgrüße! Evelin
Lange habe Ich gegrübelt und mich immer wieder gefreut über eine liebevolle Valentinskarte. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wer mich so herzerwärmend bedacht hatte.
Jetzt habe ich es durch deinen Artikel herausgefunden.
Vielen Dank für die Anregung und ganz besonders liebe Grüße an die Schreiberinnen.
Ich freue mich auf ein Wiedersehen und-hören.
Hallo liebe Jana,
wir haben deinen Kommentar heute erst entdeckt (weil wir so viel Unternehmungen machen und alles rund ums WWW etwas vernachlässigt haben). Die große Valentinsschreiberin hat sich sehr darüber gefreut und wollte dir schon hier antworten. (Ich denke, das holt sie auf anderem Wege nach.) Wir haben uns gefreut, dass du grübeln musstest. Die Mädchen hatten beim Schreiben etwas Bedenken, du würdest dem Absender sofort am Briefpapier erkennen.
Herzliche Grüße aus dem wunderschönen Rumänien!
Evelin und Familie