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Aktualisiert am 11. August 2026

Ein Eineinhalbjähriger, 200 Meter Pflaster und ein alter Rasenmäher mit sehr eigenwilligem Motor: In diesem Beitrag erzähle ich von einem Wutanfall unseres Jüngsten und davon, wie ich ihn damals begleitet habe.
„Autonomiephase“ ist dabei mein Begriff für eine Zeit, in der unser Sohn seinen eigenen Willen immer deutlicher zeigte und vieles selbst machen wollte. Dieser Text bleibt vor allem ein Erfahrungsbericht. Forschung setze ich dort daneben, wo sie Verallgemeinerungen aus der alten Fassung prüfen kann.
Kinder in der Autonomiephase: Kleine Wutkästchen mit Motor
Heute Morgen habe ich mich dazu entschieden, Wutanfälle in kleinen Kästchen zu verkaufen. Sie rumpeln, sind laut und beginnen von jetzt auf gleich. Die Wutkästchen eignen sich als zuverlässige Wecker. Sie funktionieren ein- bis fünfmal mitten in der Nacht, frühs um 6.30 Uhr oder am späten Nachmittag.
Zum ersten Mal hätten wir bereits vor vier Tagen liefern können. Das kam so:
Wir sind in der Stadt unterwegs und schlagen zu fünft vom Parkplatz aus den 200 Meter langen Weg zur Bibliothek ein.
Noch bevor wir den Parkplatz verlassen, springt das Wutkästchen an. So wie ein alter Rasenmäher, dessen Benzinmotor durch Ziehen an einer Schnur gestartet wird: Unser Junge meckert, ist stumm, meckert, holt Luft, meckert, schreit, holt tiefer Luft und brüllt schließlich eindrucksvoll für die nächsten 180 Meter Fußweg.
Wütendes Kleinkind: „Ich will nicht, was du willst!“
Die Kräfte meines Jungen wüten so sehr, dass ich ihn nicht mehr auf meinem Arm tragen kann. Bevor er sich verletzt, muss ich ihn auf dem gepflasterten Fußweg ablegen.
Wer vermutet, dass der brüllende Motor jetzt „absäuft“, weil ein beruhigendes Grasbüschel im Weg ist, liegt falsch. Unser Kleinkind steht auf und stampft wütend ein paar Meter zurück gen Parkplatz. Ich gehe zu ihm, hocke mich vor ihn hin und zeige in die Richtung, in die wir laufen wollen.
Er will nicht. Also zeige ich es ihm noch mal und nehme ihn dabei wieder hoch. Prompt beginnt der alte, kreischende Motor mich erneut kräftig durchzurütteln. Ich halte ein paar Meter durch, bevor sich das gleiche Spiel mehrmals wiederholt.
Und was ist mit meinen Bedürfnissen?

„Papa, ich will mitmachen“
Ich will meine anderen Kinder nicht schon wieder alleine mit ihrem Papa in die Bibliothek schicken! Das letzte Mal brachten sie nur „Schund“ mit heim. Niemand hatte den Mädchen geholfen, ihre Interessenbücher zu finden. Und ich möchte auch endlich mal wieder raus und mir selbst Literatur auswählen!
Im Haus, in dem die städtische Bibliothek untergebracht ist, hoffe ich, dass die neue Umgebung den Motor verstummen lässt. Doch die Töne meines kleinen Jungen schallen hier umso stärker. Mein Mann und die Mädchen gehen schon mal alleine voraus.
Schade! Eigentlich wollte ich in die Bibliothek gehen! Ich hatte mich seit Wochen darauf gefreut und selbst den Kleinen auf jeden Schritt vorbereitet. Doch ich kann sehr gut zurückstecken. Ich bin seit sechs Jahren Mutter. Und Ehefrau.
Gelassen auf Wutanfälle bei Kleinkindern reagieren
Durch die gute Schulung während der ausgeprägten Autonomiephase meiner ältesten Tochter kann ich heute oft gelassen bleiben, wenn mein Junge einen Wutanfall bekommt.
Ich biete dem dröhnenden Motor etwas Benzin in Form von Muttermilch an. Diesmal beruhigt ihn das nicht. Ich herze meinen Jungen, spreche in sanfter Stimme zu ihm und singe ihm leise vor.
Mein Eineinhalbjähriger trommelt gegen die Ausgangstür des Hauses. Ich frage mich, ob er zurück zum Parkplatz will, wo alles begann. Also gut! Ich öffne die Tür und gehe mit ihm zurück. Vielleicht möchte er sich noch einmal an der metallenen Parkplatzbegrenzung festhalten, wie er es zuvor mit seinen Schwestern getan hatte.
Er krallt sich an die Metallstangen, holt tief Luft und … schreit weiter.
Ich versuche noch eine ganze Menge in aller Engelsgüte und Geduld. Irgendwann entscheide ich mich, wieder zur Bibliothek zu laufen. Diesmal bebt das Motörchen nur zweimal derart heftig, dass ich es kurz ablegen muss. Inzwischen rinnen dicke Tränen über die Wangen meines geliebten Sohnes.
Kurz vorm Eingang der Bibliothek scheint er sich beruhigt zu haben. Was für ein Segen!
Zu früh gefreut …
Im Treppenhaus ist die Wut plötzlich wieder da. Laut, schallend und unendlich traurig. Eine andere Frau kommt hinzu und unterhält sich freundlich mit uns. Mein Sohn bleibt weiterhin schreiend und schluchzend auf den Treppenstufen liegen. Er schaut dabei nur kurz auf.
Dann stemmt sich mein Sohn wütend von der Treppe ab. Ich fange meinen stocksteifen Jungen auf und trage ihn die letzten Stufen hinauf zur Bibliothek. Mein Mann nimmt ihn mir ab. Ein paar tiefe Seufzer, und das Wutkästlein ist für den restlichen Tag nicht mehr lieferbar.
Was es mit der Autonomiephase auf sich hat

„Ich kann die Kerze schon ganz allein anzünden.“
In der alten Fassung schrieb ich, diese „Wut- oder Trotzphase“ liege ungefähr zwischen einem und fünf Jahren und erreiche mit drei Jahren ihren Höhepunkt. Die geprüfte Forschung zeigt ein komplizierteres Bild.
Van den Akker, Hoffenaar und Overbeek untersuchten Elternberichte zu 861 Kindern im Alter von einem bis fünf Jahren. In ihrer Stichprobe nahm die Häufigkeit von Wutanfällen über die Altersgruppen insgesamt ab, während ihre durchschnittliche Dauer zunahm. Tägliche Wutanfälle berichteten die Eltern bei 10,1 bis 11,9 % der Ein- und Zweijährigen und bei 2,4 bis 5,1 % der Drei- bis Fünfjährigen. Die Angaben stammen aus Elternberichten; für die Altersverteilung verglichen die Autor:innen unterschiedliche Altersgruppen innerhalb der Stichprobe.1
Für diesen Beitrag ist mir daran vor allem eines wichtig: Kinder unterscheiden sich erheblich. Schon in unserer Familie sah das bei jedem Kind anders aus. „Autonomiephase“ verwende ich deshalb als wertschätzende Beschreibung unseres Erlebens und als Gegenbegriff zum abwertenden „Trotz“.
Was die Forschung über die Erwachsenen beiträgt
Auch unsere eigene Verfassung gehört zur Situation. Zimmer-Gembeck und Kolleg:innen fassten 53 Studien zur Emotionsregulation von Eltern, zu ihrem Verhalten gegenüber Kindern und zu kindlichen Ergebnissen zusammen. Die meisten zusammengefassten Zusammenhänge waren klein und zwischen den Studien oft deutlich verschieden. Die Autor:innen fanden eher Zusammenhänge mit Elternverhalten und kindlicher Emotionsregulation als mit externalisierendem Verhalten; viele eingeschlossene Studien waren querschnittlich und arbeiteten mit Elternberichten.2
Für einen einzelnen Wutanfall liefert diese Metaanalyse keine Handlungsanweisung. Sie passt aber zu der Frage, die mich durch diese Geschichte begleitet: Wie gut kann ich mich selbst regulieren, während mein Kind schreit, sich windet und etwas völlig anderes will als ich?
Wenn das Kleinkind auf eigenen Beinen steht
Mein Sohnemann durfte so lange in meinem Bauch wohnen, wie er wollte. Nach der Geburt blieb ich weiterhin eng mit ihm verbunden. An der Brust, in meinen Armen, in meinem Bett. Jeden Tag von mir selbst betreut.
Vor ein paar Monaten begann er, auf eigenen Beinen zu stehen – im wahrsten Sinn des Wortes. Im Alltag entstanden immer mehr Situationen, in denen er selbst laufen, greifen, auswählen oder etwas allein ausprobieren wollte.
Da ist keine Nabelschnur oder Brust, die uns den ganzen Tag verbindet. Und meine Hände haften nicht zwingend an seinem Körper, um ihn beim Laufen zu stützen oder aufzufangen.
Schlicht: Mein Kind zeigt immer deutlicher einen eigenen Willen. Manchmal will er etwas unbedingt alleine machen. Ohne die Person, an der er so lange „klebte“. Dabei zeigt er sich: der eigene Wille. Der EIGENE!
Der Ärger, wenn es nicht klappt

Kleinkind in der Autonomiephase: „Lass mich allein fahren … und feilen!“
Oft klappt diese eine Sache, die sich das Kleinkind vorgenommen hat. Aber manchmal eben nicht. Dann meldet sich der ruckelnde, dröhnende Rasenmäher, weil er doch noch den alten Fahrer, mich, dazu braucht. Doof nur, wenn ich 200 Meter über Pflastersteine fahren will, statt an den abenteuerlichen Metallstangen innezuhalten.
Bei uns landet manches Wutkästchen ausgerechnet bei der engsten Vertrauensperson. Ich kenne diese Seite auch aus meiner eigenen Kindheit: Zu Hause bei meiner Mutter ließ ich „die Sau ’raus“. Kam jemand dazu, verwandelte ich mich schnurstracks in ein „braves“ Mädchen.
Heute darf ich meinem Kind sagen: „Es ist mir eine Ehre, dich in dieser für dich wichtigen Phase in Ruhe und Gelassenheit begleiten zu dürfen. Ich verstehe dich und helfe dir, wenn du das möchtest. Es ist in Ordnung, wenn etwas nicht funktioniert. Manchmal sind hohe Grasbüschel oder Pflastersteine im Weg. Du wirst lernen, ihnen auszuweichen, oder Schwung zu holen, um sie zu überwinden. Irgendwann bekommst du den Dreh raus.“
Mit diesen Ratschlägen für die Autonomiephase kann ich bis heute wenig anfangen:
- Wutanfälle ignorieren. (Ist klar. Mach ich mit meinem Mann auch immer so. Wenn er fragt, woher die riesige Delle am Auto kommt, reagiere ich einfach nicht drauf. Stärkt die Beziehung.)
- Immer Recht behalten. Selbst dann, wenn sich herausstellt, dass das Kind eigentlich doch nicht falsch lag. (Das stärkt sein Selbstbewusstsein.)
- Das Kind auf sein Zimmer schicken beziehungsweise bringen. (Werde ich also auf die Delle am Auto angesprochen, schicke ich meinen Mann zur Bestrafung gleich in die Garage. Mag er dort alleine weiter wüten.)
- „Den Zornausbruch niemals zum Erfolg führen lassen.“ Kinder wollen uns nämlich nur manipulieren! Diese Tyrannen! Schreikinder! Sowas …
Auch bei einem unerfüllten Wunsch kann ich bei meinem Kind sein, seine Reaktion ernst nehmen und meine eigene Grenze halten. Ärger und Wut gehören für mich zu Konflikten dazu. Entscheidend ist, wie wir einander darin behandeln.
Mein Kind soll erfahren, dass sein Wille etwas zählt. Gleichzeitig leben hier mehrere Menschen mit eigenen Wünschen und Grenzen. Genau darin liegt für mich die eigentliche Aufgabe: miteinander Wege finden, wenn diese Wünsche zusammenstoßen.
Verständnisvoll durch die Wut in die Selbstständigkeit
Ich möchte all denen Mut schenken, die ihren Rasenmäher alleine fahren und den Griff kaum aus der Hand bekommen. Ich habe bei unserer ersten Tochter genau das durchgemacht, da Patrick vor seinem Schritt in die Selbständigkeit nur selten zu Hause war.
Als heute Morgen die Idee des Wutkästchens aufkam, war meine Große jedoch die Einzige, die helfen konnte. Mein kleiner Junge war sehr früh wach, stapfte durch den Flur und schmiss sich wütend auf den Boden. Ich hockte neben ihm und streichelte ihm lediglich sanft den Rücken. Mehr konnte ich in diesem Moment nicht tun.
Da kam meine Große, die über mehrere Jahre ähnlich heftige Momente erlebt hatte, und sprach: „Komm, kleiner Bruder! Ich bin da. Du brauchst nicht traurig sein, dass du schon wach bist. Das gehört zum Leben. Willst du mit mir zurück ins Bett gehen und kuscheln?“
Und schon war die Wut beim kleinen Mann fort. Die Autonomie aber blieb: Lächelnd bestimmte mein Sohn darüber, doch wieder ins Bett zu krabbeln.
Was mir beim Begleiten hilft
Ich versuche zuerst wahrzunehmen, was mein Sohn tatsächlich zeigt: Er zieht in eine Richtung, trommelt gegen die Tür, hält sich an den Metallstangen fest, windet sich auf meinem Arm. Daraus bilde ich eine Vermutung und probiere etwas aus. Seine Reaktion zeigt mir, ob ich richtig lag.
Sein Wunsch und meine Grenze dürfen gleichzeitig da sein. Wenn ich ihn in einer Situation sicher tragen kann, trage ich ihn. Wenn das gerade nicht geht, setze ich ihn ab. Manchmal hilft Brust, Stimme oder Nähe. An diesem Bibliothekstag half vieles davon erst einmal wenig.
Und manchmal kommt ausgerechnet die große Schwester um die Ecke und findet den Zugang, den ich gesucht habe.
Kraft, Geduld und Liebe allen Rasenmähern und den Menschen am Griff!
Häufige Fragen zur Autonomiephase und zu Wutanfällen bei Kleinkindern
Wann beginnt die Autonomiephase?
Ich verwende „Autonomiephase“ hier als Alltagsbegriff für die Zeit, in der ein junger Mensch im Familienalltag immer deutlicher selbst entscheiden und handeln will. Den Startpunkt lasse ich bewusst offen. Die oben zitierte Studie untersuchte Wutanfälle bei Ein- bis Fünfjährigen und fand unterschiedliche Häufigkeiten und Dauern je nach Alter.1
Sind Wutanfälle bei Kleinkindern häufig?
Ja, in den untersuchten Altersgruppen kamen sie bei einem großen Teil der Kinder vor. Häufigkeit und Dauer unterschieden sich deutlich. Die Studie von van den Akker und Kolleg:innen zeigt deshalb eher eine Verteilung als eine starre „Trotzphase“.1
Wie begleite ich einen Wutanfall, wenn ich den Wunsch meines Kindes nicht erfüllen kann?
Für mich gehören zwei Dinge zusammen: Der Wunsch meines Kindes zählt, und auch meine Sicherheit, Kraft und Grenzen zählen. Ich kann erreichbar bleiben, eine Grenze erklären und die Reaktion meines Kindes begleiten. Welche Form von Nähe gerade passt, zeigt mir am zuverlässigsten mein Kind selbst.
Was hilft mir, während eines Wutanfalls ruhiger zu bleiben?
Mir hilft, meine Deutungen klein zu halten. Ich sehe das Schreien und Strampeln; den genauen inneren Grund kenne ich oft erst, wenn mein Kind ihn zeigen oder später benennen kann. Dann kann ich die Deutung als Machtkampf loslassen und eher beobachten, was die Situation gerade braucht.
Quellen
- Van den Akker, A. L.; Hoffenaar, P.; Overbeek, G. (2022): Temper Tantrums in Toddlers and Preschoolers: Longitudinal Associations with Adjustment Problems. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics 43(7), 409–417. DOI: 10.1097/DBP.0000000000001071. Tragende Stellen: Abstract; Abschnitt „Tantrum Frequency and Duration“, insbesondere Tabelle 1 und S. 411.
- Zimmer-Gembeck, M. J.; Rudolph, J.; Kerin, J.; Bohadana-Brown, G. (2022): Parent emotional regulation: A meta-analytic review of its association with parenting and child adjustment. International Journal of Behavioral Development 46(1), 63–82. DOI: 10.1177/01650254211051086. Tragende Stellen: Abstract; „Discussion“ S. 76–78; Abschnitt „Limitations and Future Research Directions“.
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